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Orlando schreibt

Unsichtbar

Heute ist Transgender Day of Visibility. Dieser Tag soll auf die Diskriminierung und Gewalt aufmerksam machen, die trans Menschen das ganze Jahr erfahren. Ich denke über unsichtbar sein nach.

Ich sitze am Stammtisch. Mit manchen Menschen bin ich befreundet, andere kenne ich kaum. „Heute können ja sogar Männer schwanger werden“, sagt einer. Manche lachen, einige nicken. Ich sitze auch da.

Ich bin unsichtbar.

Ich lese einen feministischen Artikel. Queere Paare, die als heterosexuell gelesen werden, reproduzierten Heteronormativität, steht da. Sie unterstützten das System. Wir machen uns darüber lustig, wie die Welt uns wahrnimmt. Aber wir haben es uns nicht ausgesucht.

Wir sind unsichtbar.

Männerklo, bitte kreuzen Sie an: männlich/weiblich, der junge Mann, der Herr ist dran, Männerumkleide, Männerklamotten, jede Frau sucht sich einen Mann aus, Männer haben keine Ohrringe, Schwanzvergleich.

Ich bin unsichtbar.

Ich sitze in der U-Bahn, mit anderen trans Personen. Ich spüre die Blicke. Ich sehe, wie sie uns anstarren. Nein, nicht mich. Ich gehe durch, ich gehe unter.

Ich bin unsichtbar.

Tür auf, einer raus, einer rein. Tür zu, ich sitze, ich pinkle. Ich wasche mir die Hände. Ungestört.

Ich bin unsichtbar.

Es fällt mir nicht mehr auf. Ich zähle nicht mehr mit. Mein Name, meine Pronomen sind neutral geworden. Fast vergessen, dass es mal anders war. Weil man es mir nicht mehr ansieht.

Ich bin unsichtbar.

Ich schminke mich, ich lasse mir die Haare wachsen, ich pfeife drauf, wie Männer reden, gestikulieren und lächeln sollen. Ich will nicht nur einen Tag. Eure Likes, euren Applaus für meinen „Mut“ und dann geht es wieder weiter. Ihr sagt „die Männer“ und meint auch mich. Ich hoffe, ihr denkt euch dabei „Er ist ja eigentlich kein richtiger Mann“. Aber wahrscheinlich habt ihr es einfach vergessen. Bis zum nächsten Mal. Wo ich meine Narben auf Social Media zeige oder CSD-Saison ausgebrochen ist. Wo es cool ist, trans zu sein. Nicht gefährlich. Eigentlich hab ich‘s ziemlich praktisch, ich bin privilegiert.

Und ich bin unsichtbar.

2 Antworten auf „Unsichtbar“

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