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Orlando schreibt

Haare – Ein Lebenslauf

1995

ein Kopf voll dunkler Locken

1996

erster Haarschnitt (mein Vater)

noch heute klebt eine dunkelblonde Locke in meinem Babybuch (in einer Plastiktüte)

2001

meine Haare waren glatt

im Sommer gold, im Winter mausbraun (ich wollte immer schwarze, lange Locken)

„Nachbars Rasen ist immer grüner“ (meine Mutter)

2006

Kurzhaarschnitt, einfach so

keine Frauenfrisur, viel zu lang und fransig

ich will richtig kurz 

2007

viele neue Haare

sind es überhaupt Schamhaare, wenn mensch sich nicht schämt?

vielleicht habe ich mich doch geschämt. ich weiß es nicht mehr. aber nicht rasiert. wozu?

2010

Augenbrauen gezupft, zum letzten Mal in meinem Leben (freiwillig). wozu?

2012

„Weiß deine Mutter das?“

ja und weg sind sie.

ich bin die Erste in der Schule. macht mich das cool?

nachgewachsene Sidecuts sehen komisch aus.

alles ab.

2013

dunkelgrün. bald ausgebleicht.

achseln sprießen. bin ich feministin, nichtfrau oder einfach nur faul?

abgeschnitten in verträglichen dosen. schulterlang, kürzer (selbst geschnitten), dann undercut.

bin ich jetzt ich?

2014

da ist ein haar über meiner lippe.

noch eins.

kann mensch das bart nennen?

ich mag nicht rasieren, nichts mehr, nie wieder. ich warte doch auf jedes haar.

„Wenn du mehr Bart bekommst als ich, bin ich nicht mehr dein Bruder.“

2016

haare auf den händen,

haare auf den zehen (iih),

haare am bauch (gemütlich),

und haare auf den brustwarzen (verzichtbar).

mehr haare auf mir als auf allen anderen zusammen. warum?

2018

babygesicht, weiche wange, große augen.

sie kommen wohl doch nicht aus mir, die haare.

aufgeklebt und weggewaschen. dieselbe dose rasierschaum seit drei jahren.

2019

ich brauche es und will es nicht.

ich nehme es und denke nicht nach darüber,

was es mit meinem körper machen wird

wenn ich es einmal nicht mehr nehmen kann.

diesen bart sehe nicht mehr nur ich. ihr könnt mich alle mal.

aber ich lass mir doch von euch

meine freude nicht nehmen

über jedes einzelne haar.

außer auf meinen zehen. da ist es (eklig).

2020

so lang, so lang, wie lange nicht mehr.

jeden tag, den ich rumkriege, ist einer mehr.

ich habe wieder locken.

oder wellen. auf jeden fall nicht langweilig.

„Das macht dein Gesicht halt schon weich“

und dann habe ich einfach einen nachwuchsvollbart,

der mir sonst viel zu krass wäre, aber so

ist es perfekt.

ich weiß, dass es struppig ist auf deinen Lippen.

aber dann küss doch meinen Kopf. der ist ganz weich. 

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