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Orlando schreibt

Jammern auf hohem Niveau

Hallo, ich hätte gerne mein Leben zurück. Den Teil von meinem Leben, der nicht Arbeit ist, weil er woanders stattfindet als meine Arbeit. Normalerweise.

Mir geht’s verdammt gut, so strukturell gesehen.

Keine Kinder und das ist grad gut, weil die, die Kinder haben, fühlen sich in die 1950er strafversetzt.

Stabile Beziehung in beiderlei Hinsicht, weil geprägt von Rücksichtnahme, gegenseitiger Unterstützung und Verständnis. Mein Lieblingsmensch ist cool, merke ich in dieser Zeit, echt stabil halt (ich kann Jugendsprache..?!).

Ich lebe in einer schönen Wohnung mit verschiedenen Plätzen zum Arbeiten, Schlafen, Lesen und Duschen, draußen und drinnen essen. Sie fühlt sich an wie zuhause, aber die Spannung steigt immer noch, wenn ein, zwei Möbel umgestellt werden.

Ein fixer Job. Vor 2 Jahren habe ich aufgehört, im (Musik-)theater zu arbeiten. Das Sommerfestival, bei dem ich meinen ersten unanständig bezahlten Job hatte, wird höchstwahrscheinlich nicht stattfinden. Unsere größte Angst auf der Open-Air-Bühne war der Regen. Was waren wir unbekümmert.

Jetzt arbeite ich an der Uni und es ist fucking stressig, weil niemensch weiß, ob nächste Woche das Internet zusammenbrechen wird, wenn alle Berliner und Potsdamer Studierenden gleichzeitig auf Zoom sind. Aber meine Arbeit macht ganz gut Spaß, meine Chefin ist toll und es gibt Geld und das wird so schnell nicht ausgehen. Vor zwei Wochen habe ich mich offiziell selbstständig angemeldet, weil ich es musste, Honorarvertrag und so. Aber ich muss von der Selbstständigkeit nicht leben. Schwein gehabt.

Mir geht es die letzten Tage okay, in meinem Nacken sitzt die Verspannung der Hölle und ich kann mich kaum mehr von der Arbeit distanzieren. Ich habe das Gefühl, dass ich mit Halbzeit (eigentlich 3/8-Zeit) mehr Zeit habe, an die Arbeit zu denken. Von 8 bis 11 arbeite ich meine Liste ab und den Nachmittag verbringe ich damit, Emails zu öffnen, mir vorzunehmen, nicht darauf zu antworten, nicht daran denken zu wollen, was in der Mail drinsteht und die Mail in einen anderen Ordner zu verschieben. Alles, um 5 Minuten später das Handy in die Hand zu nehmen, um doch nur noch ganz kurz darauf zu antworten.

Unvernünftig? Ja. In mir sitzt ein kleines Kapitalismusteufelchen, das LEISTUNGSGESELLSCHAFT ganz groß auf meine Hirnrinde pinselt. Meine (tolle) Chefin hat dunkelblonde Locken und das ist auch die einzige Gemeinsamkeit, die sie mit einer ehemaligen Arbeitgeberin hat, die mich für mein Berufsleben nachhaltig traumatisiert hat. Ich war ein Arbeitstier und ich war gut darin, wenig zu schlafen, perfektionistisch zu sein, sieben Tage die Woche zu proben, 8 bis 14 Stunden am Tag, mit einer halben Stunde Mittagspause. In der ich den Probenplan geschrieben habe.

Ich will so nie wieder arbeiten. In Phasen viel arbeiten ist okay. Aber ich will nicht mehr unter der Erwartungshaltung arbeiten wollen, sonst kein Leben haben zu dürfen.

Denn das bin ich gerade, mein eigener größter Feind, der mir das Handy in die Hand gibt, das Mailpostfach mitten am Nachmittag öffnet und nicht aufhört, daran zu denken, was es denn morgen alles zu tun gibt. Ich bin schlecht im Grenzen setzen. Und jetzt kann ich (mir) nicht einmal sagen: „Kann jetzt leider nicht, bin im Seminar“.

Weil ich zuhause sitze, vor meinem Computer, wie jeden Tag.

Egal, ob ich arbeite, oder nicht.

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