Kategorien
Blog

Kulinarische Aneignung…?

Deutsch-österreichische Küche und Veganismus? Deswegen boomen Gerichte, die pauschal als „asiatisches“ oder „nah-östliches“ „Street Food“ abgetan werden. Ich frage mich, ob es legitim ist, dass weiße, deutsche/österreichische Foodblogger:innen ihr Geld durch kulinarische Aneignung verdienen.

„Es zwei Dinge, zu denen alle Menschen etwas zu sagen haben: Wetter und Schule“, sagt Ninia LaGrande. Und Essen, denke ich. Alle Menschen (müssen) essen und einige machen auch noch ein Hobby draus. Manche verdienen mit Essen Geld und mitunter auch mit Rezepten von Gerichten, deren kultureller Kontext ihnen gänzlich unbekannt ist.

So wischte ich kürzlich durch Instagram – ja, auch das Betrachten von Essen ist ein Hobby für sich – und blieb an einem adrett aufbereiteten Foto hängen. Eine handbemalte, dunkelblaue Keramikschüssel voll glatter, blassbrauner Bällchen hebt sich von einem dramatisch drapierten grauen Stoff ab. Die Beleuchtung hat etwas von Georges de la Tour – ja, das ist der aus dem Kunstunterricht mit der Kerzenflamme hinter den durchleuchteten Fingern – und ein vorwitziges Petersilienblatt bringt etwas Farbe hinein. Die professionell in Szene gesetzte Speise ist… (Trommelwirbel)

Falafel?!

Denn es gibt natürlich keine weiße:n, deutsche:n/österreichische:n Foodblogger:in, der:die kein „eigenes“ Rezept für Falafel oder Hummus hat. Und dann kann es schon mal passieren, dass die Falafel so farblos, trocken und glatt sind wie ein Babypopo, anstatt knusprig braun, körnig und innen richtig schön weich und grün. Und dann frage ich mich: Warum? Warum verdient jemand Geld damit, Rezepte zu erstellen, deren kulturellen Kontext er:sie nicht einordnen kann? (Ich kann es übrigens auch nicht, deswegen beschränke ich mich aufs Falafel essen, vorzugsweise in Berliner U-Bahnhöfen.)

Es ist natürlich in der Tat so, dass wenige regionale Küchen so extrem ungeeignet für pflanzliche Ernährung sind, wie die Deutsche oder die Österreichische. Fleisch, Milch, Kartoffeln (ERÄPFEL!!1!!), Fleisch mit Milch, Kartoffeln mit Käse, Obst, aber selten ohne Teig und wie geht bitte Teig ohne Ei und ohne Milch?!

Da atmet das kleine Veganer:innenherz schon mal auf, wenn im vietnamesischen oder syrischen Restaurant eben nicht das einzige pflanzliche Gericht bestellt werden muss, das auch wirklich keine tierischen Produkte enthält („Ist eh kein Fleisch dabei…“), und mensch nach Lust und Laune auswählen kann. Und so ist es auch verständlich, dass Menschen, die sich vorwiegend vegan ernähren, gerne reisen und erfrischend neugierig sind, sich auch zuhause über Kartoffeln, Fleisch und Sauce rauswagen wollen.

Wenn weiße, deutsche/österreichische Köch:innen oder Foodblogger:innen das kulinarische Erbe anderer Kulturen für ihre weißen, deutsch/österreichischen Konsument:innen in genießbare Häppchen verwandeln, ist das oft eine Form kultureller Aneignung – also: kulinarische Aneigung. Denn wenn mensch den kulturellen, sozio-politischen Kontext nicht kennt, ist es extrem schwierig, die eigene „Adaption“ (lies: Aneigung) einzuordnen. Von außen kann leicht belächelt werden, dass Gerichte umkämpft werden. Von außen kann Essen leicht von spirituellen, emotionalen, politischen und widerständischen Bedeutungen „befreit“ (lies: ignoriert) werden.

Essen ist Kolonialgeschichte. Aufarbeitung? Fehlanzeige!

In manchen Fällen wird mit der Aneigung auch noch kokettiert, wie im Falle der Wiener Burrito-Kette „Max und Benito“. Der Aufhänger: Maximilian, der Habsburger, wollte nach Mexiko, um Burritos essen zu können. Benito Suarez haben sich zwar nicht gemocht, aber ihre Liebe zu Burritos geteilt. Die Message: Burritos sind auch irgendwie Österreichisch und Essen überwindet Grenzen. Das alles ist falsch, kulinarische Aneigung und ein besonders perfides Beispiel des Geschichtsrevisionismus: Über Maximilians Vorliebe für Burritos ist nichts bekannt, er ist in das zuvor von Spanien und Frankreich besetzte Mexiko gereist (lies: einmarschiert), um seinen Größenwahn auszuleben, der ihm in Österreich verwehrt blieb. Benito Suarez hat mit ihm allenfalls Burritos gegessen, nachdem ihn seine Truppen gefangen genommen hatten. Und weiße, österreichische Gastro-Kritiker:innen finden das Lokalkonzept „witzig“ und „einzigartig“.

Aber zurück zu den Falafel…

Es ist quirky, erfrischend und anders, wenn ich eine traditionelle Zubereitungsweise abwandle. Wenn ich meine Falafel aus Mehl statt aus ganzen Kichererbsen mache und die Hälfte der Kräuter und Gewürze weglasse, damit meine Follower nicht überfordert sind. Die Grenze zu kulinarischer Aneignung verschwimmt, trotzdem ist Kulturtransfer notwendig. Und über Essen kommen die Leute zusammen. Aber es bestimmen immer noch dieselben, was auf den Tisch kommt. Und sie kassieren nicht nur wortwörtlich, sondern auch, weil diejenigen, die ihre Gerichte essen oder nachkochen, denken, „Genau so schmeckt Falafel“.

Jeder das seine?

Ich habe keine Anwort, ich denke nur nach. Ich esse gerne, ich koche gerne, ich lasse mich inspirieren. Was ist die Lösung? Auf jeden Fall mehr Diversität unter Foodblogger:innen und Menschen, die Hipstern Geld für Essen aus der Tasche leiern wollen. Mehr Bewusstsein für die kulturelle und politische Bedeutung von Essen, gerade in der (linken) veganen Szene. Und sich vielleicht kritisch fragen, ob ich als weiße:r Deutsche:r oder Österreicher:in die richtige Person bin, „mein“ Falafelrezept rauszuhauen oder Shakshuka zu veganisieren. Mal nachdenken, ob es so witzig ist, mit Kolonialgeschichte die Kapitalisierung von anderen kulinarischen Kulturen zu legitimieren.

Es geht nicht nur um Essen. Es geht um Erinnerung, um Geschichte, um Tradition, um Kultur, um Emotionen und um Politik. Und auch um Geld. Wer sich denkt „Aber ich esse halt gerne….“, ich kann euch verstehen, wer jetzt sagen will „Aber das ist doch das Gute an der globalen Welt…“, ich kann euch Bücher empfehlen.

Lesen, zuhören, nachdenken und überlegen, wo mensch das nächste angesagte „Street Food“ kauft oder ob mensch sich nicht vielleicht den Kartoffelsalat von der Oma mal kulinarisch aneignen könnte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.