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Orlando liest

Leseliste für bessere Zeiten

Alltagsflucht ist gerade wichtiger denn je. Hier sind meine Empfehlungen für alle, die sich jetzt fragen: „Oh Bücher, das machen jetzt alle… Aber es gibt so viele, wo soll ich denn anfangen?“ Gern geschehen.

Peter Cashorali: „Fairy Tales. Traditional Stories Retold for Gay Men“ (1995, Engl.)

Mit Märchen sind wir alle aufgewachsen, aber vermutlich nicht mit solchen. Die Geschichten sind adaptiert, inkludieren schwule Lebenserfahrungen und die Sprache ist obendrein wunderschön. Ja, kitschig ist es, aber das muss manchmal.

Nicht für Kinder geeignet! (hehe)

Bernadine Evaristo: „Girl, Woman, Other“ (2019, Engl.)

Ich war von diesem Roman überwältigt. Von der reichen, wandelbaren Sprache und ihrer Kunst, durch 12 komplett verschiedene Charaktere zu schreiben: 12 Schwarze Frauen/nicht-binäre Personen in Großbritannien, deren Leben unterschiedlicher nicht sein könnten und doch alle irgendwie miteinander verknüpft sind. Eine Reise durch Lebenserfahrungen, Generationen und Perspektiven auf Frau sein, Schwarz sein, Queer sein, Migrant:in sein.

John Niven: „Second Coming“ (2011, Engl.)

Da für meine christlichen Mitbürger:innen das Osterfest naht, hier die Lektüre als Alternative zum Kirchenbesuch! Was wäre, wenn Jesus im 20. Jahrhundert in den USA wiedergeboren wird? Rock Musik, Casting Show und Joints, viel Satire und auch die ernstgemeinte Frage, wie die (US-amerikanische) Gesellschaft auf „JC“ reagieren würde.

Walter Moers: „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ (1999, Dt.)

700 Seiten – mit vielen Bildern! Die Geschichten um Blaubär sind Klassiker und trotzdem brauchte ich einige Zeit um zu verstehen, dass sie nicht nur für Kinder sind. Es ist (sprach-)verspielt, teilweise ziemlich spannend und so durchdacht und fantasievoll, dass milliardenschwere Fantasy-Autor:innen sich heulend in den Schrank verkriechen können.

Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ (2019, Dt.)

Corona kann niemand mehr hören und es wird ja wohl noch erlaubt sein, sich mal abzulenken? Dann wäre doch jetzt ein guter Zeitpunkt, sich mit Rassismus zu beschäftigen. Als weißer Mensch muss man das nämlich selten. Aber Rassismus macht jetzt keine Pause. Und Rassismus ist tödlich. Einen guten Einstieg bietet das Buch von Alice Hasters, die übrigens auf Podimo 5 Tage/Woche ein Corona-Briefing macht. Damit wir nicht mehr Nachrichten konsumieren müssen, sondern ihr Buch lesen können.

Agustina Bazterrica: „Wie die Schweine“ (2020, Dt.)

Dystopien eignen sich toll zur Ablenkung. Und danach kommt mir die Realität nicht mehr so schlimm vor. Ausgangsbeschränkung? Ja gut, aber immerhin sind unsere Medien noch unabhängig und es wird kein Menschenfleisch konsumiert. Menschenfleisch? In Agustina Bazterricas letztem Roman werden alle Tiere nämlich von einer tödlichen Krankheit befallen, wodurch sich die weltweite Fleischindustrie auf ein neues Produkt umstellen muss. Lecker!

Und ganz praktisch für diejenigen, die schon immer mal vegan werden wollten, aber es bis jetzt nicht geschafft haben.

Jasper Nicolaisen: „Ein schönes Kleid. Roman über eine queere Familie“ (2016, Deutsch)

Ein schönes Kleid, ein schönes Buch. Über zwei Väter und ihre Reise zum (Pflege-)Kind, über Ängste, Unsicherheiten und Liebe, Geschlechtsidentität, Queer sein und Beziehung. Ein Seelenstreichelbuch mit Happy End.

Abraham Joshua Heschel: „Man is Not Alone“ (1951, Engl.)

Gut, die geistige Anpassungsleistung ist notwendig, weil Heschel die ganze Zeit von God und „Man“ redet. Und es ist auch verständlich, wenn mensch gerade nichts lesen will, wo sich bitteschön alle mitgemeint fühlen sollen. Aktuell sind Heschels Überlegungen trotzdem. Für die einen ist das Buch eine Botschaft der Hoffnung, für die anderen eine philosophische Antwort auf die Frage der Beziehung zwischen Mensch und Gott, der:die sich gerne mal versteckt.

Viele Bibliotheken bieten gerade ihren Online-Bestand gratis an – wie zum Beispiel die Öffentlichen Bibliotheken Berlin oder die Büchereien Wien.

Für all jene, die aufgrund der derzeitigen Situation keine finanziellen Einbußen haben, bietet sich eine gute Gelegenheit, das Buchregal wieder aufzufüllen und dabei den Einzelhandel zu unterstützen.

Expert:innentipp: Hamsterbücherkäufe sind vor euren Eltern/Mitbewohner:innen/Beziehungspersonen jetzt noch leichter zu rechtfertigen. Ihr unterstützt doch nur kleine Unternehmen in finanziellen Notlagen. Dass dieser „Jahresvorrat“ nur wenige Wochen reichen wird, kann ja niemand ahnen…

Viele kleine, unabhängige Buchhandlungen liefern gratis und/oder haben ein großes Angebot an E-Books. Stellvertretend seien hier die Autorenbuchhandlung Berlin, das ChickLit oder die Buchhandlung Löwenherz (beide in Wien) genannt.

Büchertausch sollte sowieso viel mehr gemacht werden. Kommentar/Email/Nachricht gerne an mich, wenn euch eines der vorgestellten Bücher so brennend interessiert. Ich kann’s verstehen…

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