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Orlando denkt

Queer, trans, Oper. Ouvertüre

Ich bin mit queeren/trans maskulinen Vorbildern aufgewachsen. Das ist nicht selbstverständlich. Warum Oper manchmal cooler ist als Popkultur.

Als ich das erste Mal in die Oper ging, war ich vier Jahre alt. Mit neun Jahren stand ich das erste Mal auf und zehn Jahre später dann hinter einer Opernbühne. Oper hat mein Leben geprägt wie wenig anderes und ich hatte immer das Gefühl, dort zuhause zu sein. Warum?

Representation matters.

Oper ist für viele verstaubt und elitär und ja, das stimmt leider zu oft. Opern (und deren Inszenierungen) können rassistisch, antisemitisch, sexistisch, homo- und transfeindlich und orientalistisch sein und das ist scheiße. Aber Opern haben auch Potenzial für so viel mehr. Queeres Potenzial.

Ich bin damit aufgewachsen, zwei „Frauen“ auf der Bühne beim Knutschen zuzusehen. Das fand ich dann ziemlich bald ziemlich gut. Denn da gab’s Charaktere, mit denen ich mich identifizieren konnte und ab und zu bekamen die sogar ein Happy End (=die Frau – ich war jung und naiv).

Mein jugendliches kleines trans Gehirn war schlauer als ich. Ich wusste nicht, dass ich trans bin. Ich dachte, ich kann mich mit Hosenrollen – so wurde es genannt, wenn eine Frau einen Mann spielt, zu einer Zeit, wo nur Schwanzbesitzer Hosen trugen – identifizieren, weil sie am nächsten zu lesbischen Frauen sind. Sind ja eigentlich zwei Frauen, oder? Dann wollte ich Opernfanfiction schreiben (#nerdalert!) und schaffte es nicht. Ich schaffte es nicht, über Rollen wie Octavian aus dem „Rosenkavalier“ mit sie-Pronomen zu schreiben. Es fühlte sich falsch und ganz komisch an.

Jetzt bin ich trans (und weiß es auch), küsse gerne alle möglichen Menschen und im Nachhinein betrachtet ergibt das alles ziemlich viel Sinn. Cis Männer fand ich komisch. Ich konnte mich nie mit ihnen identifizieren und ich zweifelte lange daran, ob ich wirklich trans sein kann. Ich wollte weder wie mein Vater noch wie irgendein x-beliebiger singender Weiberheld sein. Guess what: Einfach nicht meine Art von Maskulinität. Die kleinen trans bois der Opernwelt mit ihren glatten, weichen Gesichtern, den großen Augen und der strahlenden Stimme, das war ich. Das bin ich.

Hosenrollen forever

Diese Identifikation mit Frauen, die Männer spielen, mit maskulinen Menschen, die weich und butchig sind und hohe Stimmen haben, war keine Übergangsphase zu den „richtigen Männern“. Keine Verirrung, weil ich dachte, ich wäre eine lesbische Frau. Mein kleines jugendliches trans Gehirn hat’s schon immer gewusst. Tenöre interessieren mich nicht und Baritöne nur, weil ich jetzt in dieser Stimmlage, aber deswegen soll ich so sein wie die? Nö danke. Wenn ich diese Figuren auf der Bühne sehe, kommen sie mir wie eine andere Spezies vor, auch wenn mich rein äußerlich gar nicht mehr so viel von ihnen unterscheidet.

Ich verschwinde noch immer vor Herzschmerz und Wehmut im Samtsessel, wenn ein kleiner trans boi von seiner unerfüllten Liebe singt. Ich schwelge in meiner Schadenfreude, wenn so ein Tenor eins vom kleinen trans boi auf die Fresse kriegt. Gut so. Als Teenager in Wien habe ich mich damit alleine gefühlt, im Opernpublikum. Alles dunkel um mich herum und vernebelt von muffigem Parfum und jahrzehntealtem Staub. Aber das war mir egal, denn sie küssten sich nur für mich. Ich konnte da sitzen, in mich hineingrinsen, erregt (huch!) und glücklich, weil es auch für mich eine Geschichte gibt, in die ich mich verlieren kann.

Es wäre fahrlässig und rücksichtslos, diesem Text keine Video-Beispiele hinterherzuschicken. Beispiele? Plural? Na gut. To be continued…

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