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Kein Respekt für Scheiße. Wohin Satire treten darf.

Anmerkung: In diesem Beitrag werden rassistische und antisemitische Stereotype zitiert. Außerdem wird über sexuelle Gewalt sowie deren Verharmlosung geschrieben.

Satire darf alles!? Zumindest, wenn es nach denen geht, die damit Geld verdienen. Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart tarnt antisemitisches und rassistisches Gedankengut als Hochkultur. Wo bleibt der Aufschrei?

Ein Motivator für diesen (dieses?) Blog war auch, mich öffentlich aufregen zu können  auf Missstände hinweisen zu können und sie anschaulich zu analysieren für all jene, die nicht vor dem Einschlafen Foucault lesen. Und es gibt immer genug zum Aufregen… Ein Freund hat mir diesen Beitrag aus der Jüdischen Allgemeinen geschickt: „Hast du das mitbekommen?“ Konkret geht es um zwei Auftritte von Kabarettistin Lisa Eckhart, die beide im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgestrahlt wurden.

„Der feuchte Albtraum der politischen Korrektheit“ sei es, so Eckhart schon 2018 im WDR, dass im Rahmen der #metoo-Bewegung auch jüdische, schwarze oder schwule Menschen als Täter:innen enttarnt werden. Der Sender reagierte folgendermaßen:

Die mehrfach preisgekrönte Künstlerin erörtert die Schwierigkeiten im Umgang mit Minderheiten, mit Schutzwürdigen, mit Verehrungswürdigen, wenn diese Personengruppen sich Verfehlungen leisten, schuldig werden oder straffällig.

Zitiert aus dem Artikel von Tom Uhlig in der Jüdischen Allgemeinen

Aha, die traut sich also was. Wunderbar erfrischend, dass die weißen alten Männer auch mal verschnaufen dürfen?

Satire muss wehtun – aber wem?

Wenn unlustige Menschen wie Stefan Raab oder Oliver Pocher für sexistische, rassistische Sketches Kritik erfahren, folgt das Totschlagargument auf dem Fuße: Satire muss wehtun. Dann wird auch oft Tucholsky als Freibrief herangezerrt: „Was darf die Satire? Alles.“

Satire ist ja wunderbar erfrischend für gemäßigte Linke, denn endlich sind alle gleich – mensch kann Witze reißen ungeachtet der Religion, Hautfarbe oder des Geschlechts. Gleichzeitig muss mensch sich ob seines internalisierten Sexismus, Antisemitismus und Rassismus nicht mehr schämen. Diese Gleichmacherei ist Wunschdenken von weißen, christlichen und oft heterosexuellen cis Menschen. Diese Art der „intellektuellen Kritik“ nimmt auch in Kauf, dass alle anderen auf den Zug aufspringen – von der vermeintlichen „Mitte“ bis zur AfD. Es fehlt die offene, entschiedene Distanzierung, die alle pseudo-linken wachrüttelt und Nazis abschreckt, anstatt ihnen Identifikationsmomente im kulturellen Mainstream zu gewähren.  

Die deutsche Kabarettszene hat ein Problem.

Auch, wenn meine Kinnlade immer noch nicht an ihren angestammten Platz zurückgefunden hat… es wundert mich nicht. Ich mag Lisa Eckhart nicht besonders. Ich finde sowieso den Großteil der Menschen, die im deutschsprachigen Raum fürs Lustig sein Geld verdienen, furchtbar unlustig. Nicht-weiße Kabarettist:innen sind nur erfolgreich, wenn sie Witze über „Ausländer“ machen. Frauen sind nur erfolgreich, wenn sie Witze über Frauen und Männer machen.

Was Lisa Eckhart bis jetzt in öffentlich-rechtlichen Medien gesagt hat, verlangt auf jeden Fall eine Reaktion. Aber das Problem sitzt tiefer und es wäre falsch, diesen Tiefpunkt im medialen Diskurs als Einzelfall wahrzunehmen. Denn es ist ja nicht nur Eckhart und ihr künstlerisch mäßig kreativer Ansatz, sondern die Sender, die sie einladen und das Publikum, dass sie „ehrlich“, „intellektuell“ und „genial“ findet.

Satire ist überzeichnet und unbequem. So weit, so wichtig. Aber wen verletzen solche Aussagen?

Wir hatten auch schon brav gelernt, selbst der Schwarze ist ein Mensch. Und zwar so tugendhaft und sittsam, wie es hundert Hurenmörder auf einem Jonny-Cash-Konzert [sind]. Aber kaum, dass man sich umdreht, schon vollführt der edle Wilde wieder seinen Stammestanz. […] Die Erektion des schwarzen Glieds braucht alle sieben Liter Blut, über die ein Mensch verfügt.

Eckhart im WDR im September 2018

Eckhart will sie mal so richtig provozieren, die Gutmenschen, die Feminist:innen und die ganzen politisch Überkorrekten. Aber wer wird dabei verletzt? Oder werden schwarze, queere, jüdische Menschen etwa nicht als Medienkonsument:innen mitgedacht?

Antisemitismus ist weiterhin salonfähig.

Den Juden Reparationen zahlen, das ist ja wie Didi Mateschitz ein Redbull ausgeben.

WDR 2018

Zumindest ist dieser Asia-Rassismus vorbei. Was soll man an Asiaten auch hassen, das sind die höflichsten Menschen der Welt. In meinem Nagelstudio, der kleine Ling Ling verbeugt sich, wenn ich komme. Ling Ling weiß, was sich gehört und dabei ist er erst 12. Wir hatten gegen Asiaten auch nie wirklich gute Vorurteile. Außer vielleicht ihr sehr kleines… na, sagen wir mundgerechtes Gemächt.

Nuhr im Ersten, 19.3.2020

Das Hauptproblem ist das Publikum. Ich halte das durchschnittliche deutsche Fernsehpublikum nicht dazu in der Lage, in Eckharts Spitzen eine Persiflage der eigenen Gesinnung zu erkennen.

  • Ich finde Asiat:innen auch immer extrem höflich – oha, eigentlich bin ich auch rassistisch!
  • Ja, insgeheim habe ich mir das über Weinstein und die Juden auch schon gedacht – gut, dass ich jetzt auf die eigenen Abgründe meiner Gedankenwelt gestoßen werde!

Das passiert doch nicht. Es folgt verhaltenes Kichern, überschwängliches Lob, Wahrheiten auch mal auszusprechen und selbst vor Kritik an Minderheiten nicht zurückzuscheuen. Mutig, schonungslos, intellektuell. Und den Kritiker:innen, den Menschen, auf deren Kosten eklige Witzchen gerissen werden, wird wahlweise fehlende Intelligenz oder fehlender Humor unterstellt.

Das wird man wohl noch sagen dürfen.

Lisa Eckhart und alle, die ihr zujubeln, haben eines nicht begriffen: Antisemitische Stereotype für eine Pointe hervorzukramen, ist einfach nur antisemitisch. Dafür spricht auch, dass

1. Eckhart selbst eine weiße Christin ist und

2. ihr Großteils weiß-christliches Publikum sich in seinem internalisierten „Das wird man wohl noch sagen dürfen“-Antisemitismus bestätigt fühlt.

Jetzt nicht der beste Kontext, um über Jüd:innen Witze zu machen, oder?Der WDR meinte, Eckhart „erörtert die Schwierigkeiten im Umgang mit Minderheiten“. Wenn Eckharts Witz darauf baut, dass Jüd:innen eine Minderheit sind, ist er nicht Satire, sondern einfach nur antisemitischer Mist. Satire tritt nicht nach unten, aber dieser Umstand scheint weder dem WDR noch Lisa Eckhart bekannt zu sein. Die gleichzeitige Verquickung von der Wahrnehmung „der Juden“ als anders und marginalisiert mit der Vorstellung einer kapitalistischen Weltverschwörung ist erstklassiges antisemitisches Gedankengut.

Feminist:innen mag Eckhart auch nicht und ich vermute mal, die meisten Feminist:innen mögen sie auch nicht besonders. Warum?

Wissen Sie noch, als man 2016 nach Silvester Frauen riet, eine Armlänge Abstand zu wahren? Vor allem vor schwarzen Männern. Das war vielleicht ein Schwachsinn. Weil, wie gesagt, da zieht mein Arm den Kürzeren.

Nuhr im Ersten, 19.3.2020

Den als Feminismus getarnten Rassismus der Rechten zu persiflieren, ist wichtig! Aber doch nicht, indem

  1. rassistisches Gedankengut reproduziert wird (schwarzer Mann=Täter, alle schwarzen Männer haben große Penisse),
  2. keine Abgrenzung/Hinterfragung dieser Stereotype vorgenommen wird und
  3. in einem Aufwasch auch noch victim blaming betrieben wird, nach dem Motto „Was habt’s ihr denn, ich würd‘ mich freuen, wenn sich ein großer Schwanz für mich interessiert.“

Was ist denn mit deutsche, weißen Vorhäuten? Darüber würde ich gerne mal Witze im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehen…

Anmerkung: Mir ist klar, dass es sich bei Lisa Eckhart um eine Kunstfigur handelt. Ich frage mich, ob diesen Umstand alle ihre Zuseher:innen reflektieren. Und das ist im Endeffekt immer noch keine Rechtfertigung für Scheiße.

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