Kategorien
Blog

Anti-rassistische Leseliste

Worten müssen Taten folgen. Weiße Tränen sind Verschwendung, wenn sie nicht zu Handlungen führen. Ein Servicepost für weiße Menschen, die nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

Die Sozialen Medien quellen über an Solidaritätsbekundungen. Viele Personen solidarisieren sich mit #blacklivesmatter auf ihren beruflichen oder privaten Kanälen. Weiße Menschen sind schockiert. Das ist in verständlich, sie sind ja in Happyland aufgewachsen (™ Tupoka Ogette) und mit dem Erwachen gehen unschöne Gefühle einher. Aber was tun?

Lesen ist keine Lösung, aber ein Anfang.

Ich habe vor ca. einem Jahr begonnen, mich mit Rassismuskritik zu beschäftigen. Wie so oft bei mir, fand ich den Einstieg vor allem über das Lesen und über coole Menschen auf Instagram. Apropos Instagram: Es mag überfordernd sein, das Gefühl zu haben, sich als weiße Person jetzt plötzlich positionieren zu müssen. Darf ich über Rassismus überhaupt reden? Ja! Besser als schweigen. Wir alle lernen. Besser, als die Aufklärungsarbeit auf Schwarze Menschen abzuwälzen.

Vor ein paar Tagen habe ich einen Instagrampost einer Schwarzen Unternehmerin gelesen, die Wolle färbt. Sie schreibt, dass sie keine privaten Nachrichten beantworten wird, in denen weiße Menschen ihr Mitgefühl ausdrücken, ohne auf Handlungen zu verweisen. Nachrichten, wo weiße Menschen sie fragen, was sie jetzt tun sollen. Oder weiße Menschen sie bitten, ihre Instragramposts Korrektur zu lesen. Das ist nett gemeint, aber auch ziemlich faul. Während Schwarze Menschen gerade sowieso schon enorme emotionale Arbeit leisten, müssen sie den betroffenen, schockierten weißen Menschen auch noch gut zureden und Rassismuskritik-für-Anfänger:innen auf dem Silbertablett servieren? Etwas anderes ist es natürlich bei Menschen, die rassismuskritische Bildung zu ihrem Beruf gemacht haben. Aber auch diese haben jederzeit das Recht, sich zurückzuziehen und sich erstmal um sich selbst zu kümmern! Und dieses Recht auf Selbstschutz haben weiße Menschen einfach nicht.

Zuhören? Ja! Aber zuhören ist kein Wunschkonzert. Man könnte sich zuerst die Arbeit machen, zu googeln, zu lesen, oder einfach im Feed einer aktivistischen Person nach unten zu scrollen, anstatt die immer gleichen Fragen zu stellen.

Aber jetzt… Bücher!

Tupoka Ogette: „Exit Racism“ (2019 – 5. Auflage, Deutsch)

Dieses Buch ist zurecht eine Klassikerin der deutschsprachigen rassismuskritischen Literatur. Es ist auf Ogettes Uni-Seminaren aufgebaut, fängt wirklich bei null an und enthält viele Denkanstöße und Perspektivwechsel für den Alltag. Das alles gibt es jetzt auch als Hörbuch. Ein Buch, dass man immer wieder lesen kann! Denn wie Ogette auch schreibt, man „ist“ nicht anti-rassistisch, man handelt anti-rassistisch. Und das muss man immer und immer wieder tun.

Noah Sow: „Deutschland Schwarz Weiß“ (2018 – 2. Auflage, Deutsch)

Ebenso ein Standardwerk. Noah Sow bietet eine breite Darstellung von Kolonialismus und Rassismus in Deutschland, mit Beispielen aus Geschichte und Alltag, Werbung und Popkultur. Liest sich super, teilweise wirklich witzig geschrieben!

Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ (2019, Deutsch)

Hier habe ich schon mal darüber geschrieben. Ebenso ein guter Einstieg, anschaulich in verschiedene Themen unterteilt, die auch anhand von Hasters‘ persönlichen Erfahrungen abgehandelt werden.

Reni Eddo-Lodge: „Why I’m No Longer Talking to White People About Race“ (2017, Englisch/Deutsch)

Ebenfalls ein must-read. Hier wird die kolonialistische (und rassistische) und Schwarze Geschichte von Großbritannien aufgearbeitet. Es ist wieder eines der Bücher, die Schwarze Menschen für weiße Menschen geschrieben haben, um uns aufzuklären, zu bilden und an der Hand zu nehmen. Diese Arbeit leisten einige Schwarze Schriftsteller:innen und Aktivist:innen seit Jahren! Lesen ist auch eine Art des Zuhörens!

Kimberlé Crenshaw: „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics“ (1989, Englisch)

Bonus für alle, die sich intersektionale:n Feminist:in nennen oder den Zeigefinger erheben, um zu sagen „Das heißt Interdependenz, nicht Intersektionalität“. Lest das. Crenshaw wird wahrscheinlich ähnlich oft vereinfacht oder schlichtweg falsch rezipiert wie Butler. Crenshaw arbeitet in einer Reihe von Schwarzen Feminist:innen, die bereits im 19. Jhd. (Sojourner Truth) Worte für Identitätspolitiken gefunden haben, die weiße Akademiker:innen uns jetzt erklären wollen.

Und sonst so?

Es gibt natürlich auch eine Reihe von fiktionaler Literatur, die Schwarzsein/Rassismus behandeln. Zu meinen Favorit:innen gehören im Moment Bernadine Evaristo, Ta-Nehisi Coates und Chimamanda Ngozi Adichie. Bei Toni Morrison lässt sich gut anfangen, aber man sollte nicht bei den Nobelpreisträger:innen schon wieder aufhören. Ganz oben auf meiner Leseliste stehen gerade „Die Schwarze Madonna – Afrodeutscher Heimatkrimi“ von Noah Sow, „1000 Serpentinen Angst“ von Olivia Wenzel und „Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ (hrsg. von May Ayim, Katharina Oguntoye, Dagmar Schultz).

Kommentar: Warum schreibe ich von Schwarzen Menschen und nicht People of colour (PoC) oder Black Indigenous People of Colour (BIPoC)? Weil Schwarze Menschen eine bestimmte Form des Rassimus erleben, wie gerade in den USA deutlich wird. Bei aller Allianzbildung ist es wichtig, Raum für spezifische Erfahrungen zu geben, wie z.B. die Schwarzer Deutscher. Und warum schreibe ich Schwarz groß? Weil es eine politische Bezeichnung ist, keine Beschreibung einer Hautfarbe. Mehr dazu in den Büchern…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.