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Orlando schreibt

Mezzo goes Baritone.

Fünf Dinge, die ich nicht wusste, bevor ich in den Stimmbruch kam – transboi edition.

Als ich in den Stimmbruch kam, war ich 19 Jahre alt. Das hatte alles seine Richtigkeit. Im Juli 2015 begann ich, mir jeden Morgen ein Päckchen nach Alkohol stinkendes Testogel auf die Arme zu schmieren. Ich hatte darauf sehnsüchtig und ängstlich gewartet, wenn auch nicht so lange wie viele andere Menschen. Kurz nach meinem Coming Out sagte ich mir: So, du wartest jetzt ein Jahr ab, du machst dich mit der Entscheidung ganz nervös und von jetzt auf gleich geht sowieso nichts.

Dann ging ich in die Trans-Ambulanz, bekam ein Rezept und das war’s. Zuhause schmierte ich die erste Ladung auf die Arme, verteilte ein bisschen davon auf meiner Laptoptastatur und wartete…

1. Es ging so schnell bergab.

Wenn ich das heute meinem Lieblings- und Lebensmenschen erzähle, lacht er mich aus. Tja, er war nicht dabei.

Ich stand am Abend in der Dusche, ca. sieben Stunden nach der ersten Dosis, und ich spürte es. Mein Hals fühlte sich anders an. Nicht kratzig oder wund. In etwa so, als hätte mensch die Nacht davor durchgemacht, aber ohne trockene Kehle, ohne Schmerzen. Einfach brummig. Mittlerweile habe ich schon von einigen anderen gehört, dass sie den Stimmbruch auch quasi sofort bemerkt haben. Ich sang damals seit Jahren. Ich merke, wenn meine Stimme anders ist, müde, verschleimt, trocken, gereizt. Meine Stimme und ich führen eine sehr intime Beziehung. Es war nicht Einbildung, dass mein Stimmbruch simultan mit den ersten zusätzlichen Testosteronschüben einsetzte. Das bringt mich zu zweitens…

2. Es geht auch schnell wieder bergauf.

Vor zwei Jahren nahm ich ein halbes Jahr lang kein Testosteron. Aus freiem Antrieb. Ich war bis dahin der Meinung, dass ich gut und glücklich ohne leben könnte. Ich hatte es ausprobiert, weil das ja alle trans Jungs irgendwann machen, aber eigentlich bin ich ja voll post-gender. Was jucken mich gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit? Bart, breite Schultern, Pustekuchen. Ja, Pustekuchen. Es hat Gründe, warum ich wieder auf Testosteron bin und wahrscheinlich bleiben werde, bis ich mich fortpflanzen will, aber das ist einen eigenen Post wert.

Am schnellsten merkte ich damals den sinkenden Testosteronspiegel in der höher werdenden Stimme. Sie rutschte nicht komplett in die alte Lage – sowohl beim Singen als auch beim Sprechen – sie siedelte sich irgendwo in der Mitte an.

Ärzt:innen unterteilen die Veränderungen in der Hormontherapie immer in irreversibel und reversibel. Stimmbruch ordnen sie bei ersterem ein. Das stimmt insofern, als die Stimme wahrscheinlich nie wieder so hoch wird, wie sie war. Zumindest, wenn mensch davor jahrelang Testosteron genommen hat, wie ich. Aber dem Kehlkopf, der ja durch die Hormone wächst, fehlt der Treibstoff und ich konnte in der Bruststimme nur mehr mit Schmerzen singen. Abgesehen davon, dass mein Tonumfang immer kleiner wurde. Auch jetzt, wenn ich mal einen Tag vergesse zu schmieren, fällt es mir beim Sprechen oder Singen auf. (Ich weiß, du schüttelst den Kopf, lieber Lieblingsmensch, aber glaub mir, ich hab auch mal recht.) Apropos Singen…

3. Testosteron und Singen? Absolut!

Es gibt mittlerweile immer mehr Sänger:innen, die sich für eine sog. Hormonersatztherapie entscheiden und weiterhin singen. Die in ein anderes Stimmfach wechseln, ihr Geld damit verdienen wie zB Holden Madagame. Wie bei jedem Stimmbruch ist er auch bei trans Menschen individuell. Ich habe von Leuten gehört, die nachher nicht mehr so gut singen konnten, ich habe von Leuten gehört, die nachher genauso gut oder besser singen konnten.

Wie bei cis Menschen auch dauert es, bis mit der Stimme etwas anzufangen ist. Mein erstes Chorprojekt sang ich ein knappes Jahr danach. Ich sang tiefen Bass und die meiste Zeit drückte es unangenehm im Kehlkopf. Nicht, weil ich besonders tief singen konnte, sondern weil ich nicht hoch singen konnte. Ca. 2,5 Jahre danach war ich erstmals an einem Punkt, wo ich das Gefühl hatte, dass meine Stimme wieder robuster wird. Seither lerne ich sie neu kennen. Wenn ich sage, dass meine Bariton-Stimme besser ist, als meine Mezzosopran-Stimme jemals war, dann klingt das vielleicht ein bisschen angeberisch. Ich habe jetzt einen Gestaltungsspielraum, den ich nie hatte. Ich kann meinen Mund öffnen und der Klang kommt einfach raus, ich muss nicht mühsam versuchen, ihn zu formen.

4. Die Stimme wird immer höher.

Wahrscheinlich auch kein Geheimnis für cis Männer. Der Tonumfang ist am Anfang extrem begrenzt. Die Stimme rutscht nicht einfach nach unten, es bricht auch erstmal oben bis in die Mittellage alles weg. Jetzt allerdings, nach 5 Jahren Testosteron (mit Unterbrechung) erweitert sich mein Tonumfang stetig nach oben. Vor zwei Jahren steckte mich der Chorleiter in den ersten (hohen) Bass. Ich fühlte mich damals in irgendeiner Ehre verletzt, heute bin ich froh, dass ich nicht mehr da unten rumgrundeln muss. Das ist alles schön und gut, solange ich kein Tenor werde.

5. Es ist trotzdem noch meine Stimme.

Ich nehme jetzt seit einem halben Jahr wieder Gesangsunterricht. Das erschließt mir ganz neue Welten und fordert mich heraus. Sich mit der eigenen Stimme beschäftigen zu können, zum Spaß, denn für die Karriere bin ich langsam aber sicher zu alt, ist Luxus. Es ist ein hedonistischer Zeitvertreib, reine Selbstliebe – oder sollte es zumindest sein.

Die ersten Aufnahmen, die ich für mich machte, hörten sich komisch an. Das lag auch daran, dass ich noch nicht so wirklich mit dieser meiner Stimme umzugehen wusste. Gerade jetzt, wo meine Stimme wieder an Kopfresonanzen gewinnt – sorry, bisschen Fachsimpelei musste sein – erkenne ich immer mehr meine „alte“ darin. In der Art, wie ich meine Lippen forme, der Klang sich im Gaumen ein wohliges, rundes Zuhause sucht, wie weich sich der Ton in meiner Kehle anfühlt… Das alles ist ein bisschen wie früher. Das Singen wird immer vertrauter, je mehr meine Stimme sich entwickelt. Und das witzige ist, sie hört sich mehr nach meiner Stimme von früher an. Es ist etwas in der Farbe, das ich wiedererkenne wie einen alten Freund. Das letzte Mal hat mensch ihn mit Zahnlücke und Popel am Finger gesehen, jetzt steht derselbe Mensch plötzlich vor einem in Hemd, Dreitagebart und seriöser Brille. Ist aber immer noch derselbe, wie er grinst – ganz ohne Zahnlücke, aber doch irgendwie verschmitzt.

Die Moral? Oder so…

Trans Menschen können singen. Manche eher schief, manche richtig geil. Trans Stimmen hören sich nicht unbedingt anders an.

Ich habe erst mit der Testosteron-Therapie begonnen, nachdem ich den Zug Gesangskarriere hatte abfahren lassen. Hätte ich sonst den Mumm gehabt? Keine Ahnung. Was das hier alles soll? Das ist der Versuch, Worte für ein unbeschreibliches Gefühl zu finden. Das Gefühl, das ich habe, wenn ich den Mund öffne und singe, egal ob alleine oder mit anderen, und es kann. Es tut nicht weh, es ist selten anstrengend und es klingt auch noch gut.

Ich musste nichts aufgeben, im Gegenteil. Ich singe und dann denke ich, ich habe alles.

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