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Orlando denkt

My Cup of Blood.

Triggerwarnung: Es geht um Menstruation, Transfeindlichkeit und ein bisschen Blut.

Transfeindlichkeit ist unkreativ. Sie ist zermürbend. Menstruation ist keine Frauensache.

Irgendeine „Feministin“, die extrem viel Geld mit Büchern verdient, hat mal wieder etwas transfeindliches geschrieben. Obwohl, sie würde das wohl so formulieren: Irgendeine Feministin, die extrem viel Geld mit Büchern verdient, hat mal wieder etwas „transfeindliches“ geschrieben. Auf Twitter.

Ähnlich wortgewandt und faktenbasiert wie ein Sexist (ganz sicher ohne Gänsefüßchen), der extrem viel Geld verdient hat, ohne je ein Buch gelesen zu haben. Es ist nicht das erste Mal. Nicht das erste Mal überlegt der Feuilleton in einer Randnotiz, ob es Transfeindlichkeit überhaupt geben kann, so aus feministischer Perspektive. Nicht das erste Mal emanzipieren sich Fans von der Urheberin ihrer jugendlichen Identifikationsmomente. Jetzt sind es also „people who menstruate“. Menstruierende Menschen. Eine solche Formulierung mache, so J.K. Rowling, „die globalen Lebensrealitäten von Frauen unsichtbar“. Die bösen trans Menschen also wieder, die die Kategorie „sex“ (biologisches Geschlecht) ausradieren wollen. Wenn rundherum das Patriarchat tobt, sind trans und inter Aktivist:innen ein willkommener Sündenbock – nach unten tritt sich immer leichter.

Abgesehen davon, dass Rowlings Tweets unheimlich transfeindlich und ignorant sind: „Ich habe ja nichts gegen trans Menschen, aber…“ – wer sich das wirklich antun will, kann sich ihre jüngsten Antworten durchlesen. Die trans Community gefährdet Bildung, Redefreiheit, sozial benachteiligte Kinder und Frauen. Und, na klar, die armen, zur Transition verführten „jungen Mädchen“. Rowling ist nur eine Verteidigerin eines cissexistischen Feminismus, die Rhetorik, die sie benutzt, ist nicht neu.

Was mich aber so richtig ankotzt?

Ich bin ein menstruierender Mensch. Ich bin keine Frau. Ich leere meine Menstruationstasse auf der Männertoilette. Ich wollte immer schon schwanger werden. Die Leute im Wartezimmer drehen sich nach mir um, wenn ich zum Krebsabstrich gehe. Gleichzeitig ist mein Menstruieren, mein Uterus, meine Vulva, unsichtbar. Ich fühle mich zwiegespalten, wenn Frauen neben mir über ihre Regelbeschwerden reden und selbstverständlich davon ausgehen, dass ich nicht mitreden kann. Ich tue mir schwer, Witze oder flapsige Kommentare zu machen, ich will kein übergriffiger Typ sein. Gleichzeitig darf ich doch auch darüber reden?

Einen der wenigen dissoziativen Momente in meinem Leben hatte ich an einem Chorstammtisch mit mir teils fremden, teils bekannten Menschen. Irgendwie kam das Thema auf Schwangerschaft und einer sagte: „Naja, heute gibt’s ja sogar schwangere Männer.“ Nicht böse, nicht mal extrem spöttisch, aber ich saß die ganze Zeit da. Ich, dieses seltsame Fabelwesen, von dem sie sprachen, war mitten unter ihnen und gleichzeitig einfach nicht da. Nicht an diesem Tisch, nicht in ihrer Realität, nicht in meinem Körper.

Ich habe ähnliche Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Beschwerden, wie manche menstruierende cis Frauen. Mein Eisprung ist manchmal so heftig, dass ich ohne Schmerzmittel nicht schlafen kann. Am Tag vor der Menstruation habe ich meist Dauerhunger, am Tag darauf leichte Verstopfungen. Ich benutze eine Menstruationstasse und finde die richtig gut. Ich gehe ca. einmal im Jahr zum Abstrich.

„Das sind Ihre ungeborenen Kinder“, sagte meine ehemalige Gynäkologin vor ein paar Jahren beim Kontrollultraschall. Und ich fand es nur ein bisschen gruselig, weil ich immer schon fasziniert von der Idee war, schwanger zu sein. Kinder zu haben, ganz andere Geschichte. Jetzt bin ich erwachsen.

Ich bin keine Frau.

Ich werde vielleicht zu fünf Prozent im Alltag dafür gehalten, manchmal sind sich die Menschen irgendwie unsicher, was ich meist irgendwie gut finde – ich bin nämlich auch kein Mann. An der Bushaltestelle würde niemand denken, dass ich meine Unterhose gerade vollblute (seit ich einen Cup verwende, passiert mir das auch kaum mehr). Das passt nicht zusammen? Es ist meine Realität und es lebt sich verdammt gut damit.

Diese Art von transfeindlichen Attacken kommen nicht von ungefähr. Sie begegnen mir und anderen menstruierenden Menschen, die keine Frauen sind, im Netz, im Alltag, im Freund:innenkreis oder durch Ärzt:innen. Manchmal kommen sie pseudo-wissenschaftlich daher („BiOloGIE!!!1!!1!“), mal besorgt-„feministisch“ (für JK Rowling bin ich doch gerne ein verlorenes Mädchen – not.) und oft liegt ihnen Unwissen zugrunde. Wir alle werden heteronormativ sozialisiert. Wir lernen, dass es zwei biologische, ist gleich soziale, Geschlechter gibt, und nur zwei. Wenn uns trans Personen über den Weg laufen – meist eher als Anschauungsobjekte als in persönlicher Begegnung – hören wir, dass diese Menschen zum Beispiel Männer im Frauenkörper sind.

Was bist du denn körperlich? Hattest du schon die OP? (etc.)

Dass trans Menschen sich mit ihrem Körper oder Teilen davon sehr wohlfühlen, kommt in der cissexistischen Perspektive nicht vor. Deswegen schrillen sie, die Alarmglocken, wenn ich sage, dass ich keine Frau bin, oder auch trans männlich, und meistens gerne menstruiere. Menschen wie J.K. Rowling sagen damit aus, dass es Menschen wie mich nicht geben sollte. Mit mir muss doch irgendetwas falsch sein? Wahrscheinlich will ich nicht wahrhaben, dass ich eigentlich eine Frau bin. Ein Mensch wie ich ist doch nur ein Beweis dafür, wie die trans Community indoktriniert? Nein. Ich lasse mich nicht zu einem Spielball machen. Meine Liebe zu meinem Körper wird nicht transfeindlich instrumentalisiert.

Ich sehe ein, dass die Debatte überfordernd ist, wenn mensch in der ganzen Materie noch nicht so tief drinsteckt. Kein Wunder, wir wurden so geprägt. Wir lernen unser ganzes Leben, dass Frauen menstruieren und Kinder gebären – was auch nicht der Realität aller cis Frauen entspricht. Umstellung ist nicht immer einfach. Da ist es leichter, denen zuzustimmen, die sich Feminismus an die Fahnen heften und einer die Arbeit nehmen, die eigene Sprache, das eigene Denken zu ändern. Diese vermeintliche Bedrohung durch die trans Community wird inszeniert. Ich will einfach nur in Ruhe menstruieren und vielleicht irgendwann mal ein Kind austragen, nicht obwohl ich trans männlich bin, so wenig wie ihr das macht, weil ihr cis Frauen seid. Ich will nichts von euch, ich nehme euch nichts weg.

Ich will nichts von euch, außer, dass ihr zuhört und euch bildet. Reflektiert, was ihr sagt. Menstruierende Menschen. Ein Mund voller Silben, der fast etwas magisches hat.

Mich als Frau zu bezeichnen, ist falsch. Meine körperliche Erfahrungswelt zu negieren, verletzt mich. Mir das Recht auf Benennung meiner Existenz zu nehmen, macht mich unsichtbar.

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