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Orlando schreibt

My (not so) silent love.

In diesem Text geht es um meine erste große Liebe.

Ich habe das Gefühl, ich würde sie schon ewig kennen. Sie ist gewissermaßen ein Teil von mir, so selbstverständlich geworden, dass ich mich selten aktiv mit ihr auseinandersetze.

Wir stehen gemeinsam auf und gehen miteinander ins Bett. Sie begleitet mich durch Höhen und Tiefen, hat mich durch Maturaprüfungen und Referate getragen, ist sogar in meinen ersten Berufserfahrungen nicht von meiner Seite gewichen. Durch sie bekam ich Aufmerksamkeit und vor allem dann war ich enorm dankbar, konnte schätzen wer sie ist und wie sie mich bereichert. Sie ist besonders, hörte ich von anderen. Und diese Momente bescherten mir die größten Glücksgefühle.

Es gab auch andere Reaktionen. Menschen, die sagten, ich solle mich von ihr trennen, sie sei es nicht wert, mir etwas anderes suchen. Aber wie? Wir waren verwachsen. Seit ich zehn Jahre alt war, wusste ich, sie ist meine Bestimmung. Wir kennen uns zwar kaum, ich weiß nicht wirklich, wie ich mit ihr umgehen soll, aber sie und ich, wir erobern die Welt. Ich war noch ein Kind, deswegen bin ich sicher, dass sie es war, die mich antrieb. Sie brauchte mich, um zu klingen und ich brauchte sie, um gehört zu werden.

Sie hat mich dann verlassen. Im Nachhinein war es gut so. Ich hätte mich nicht von ihr frei machen können, von der Perspektive einer gemeinsamen großen Zukunft, um meinen eigenen Weg zu gehen. Wir waren fast am Ziel und sie gab auf, weil sie merkte, dass ich nicht mehr konnte. Sie wollte mir eine Entscheidung ersparen. Damals fühlte ich mich im Stich gelassen und unglaublich verletzt. Ich wollte im Boden versinken und nie wieder mit ihr zu tun haben, außer das absolut notwendige Minimum. Ich wollte sie nicht einmal durch eine andere ersetzen, mein Vertrauen war zerstört – ich würde auch ohne sie zurecht kommen.

Jetzt, ziemlich genau 6 Jahre danach, ist sie immer noch da. Oder wieder? Sie hat sich verändert. Lange habe ich nicht gemerkt, dass auch ich mich verändert habe. Wir sind beide reifer, bedachter geworden. Wir wissen beide, dass wir keine großen Pläne mehr schmieden können. Das müssen wir auch gar nicht. Wir wollen trotzdem zusammen sein, voneinander lernen und unseren Alltag bereichern, der mit so vielen anderen Dingen ausgefüllt ist. Meine ganze Zukunft mache ich von ihr nicht mehr abhängig. Ich versuche, sorgsamer mit ihr umzugehen und sie nicht nur für meine Zwecke zu missbrauchen. Raum zu geben fällt mir schwer, aber wenn ich über meinen Schatten springe, entfaltet sie sich in ungeahnte Möglichkeiten.

Unsere Beziehung war immer schon viel Arbeit und das wird es auch weiterhin sein. Gleichzeitig hätte ich nie gedacht, wie wir uns zusammen und getrennt voneinander entwickeln können, wenn ich loslasse.

Ich bin gespannt, was die Zukunft noch bereithält…

…für mich und meine Stimme.

Foto: Sören Philipps

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