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Übers Scheitern

Disclaimer: Es geht hier um das langsame Erwachen eines Wohlstandskindes, dass es im Leben nicht immer so läuft, wie man sich das vorgestellt hat. Dabei geht es um meine persönlichen Erfahrungen, also bisschen „rich tears“-mäßig. Allen, die darauf keinen Bock haben, nehme ich es nicht übel wegzuklicken <3

Ich hatte so eine Kindheit mit ganz viel Silber. Löffel, Tablett, whatever. Da war alles drauf, von Lob und Ermutigung bis zu Geld, Geduld, Zeit, Wissen und anderen Ressourcen. Mein Vater kommt nicht aus einem Akademiker:innenhaushalt, meine beiden Eltern haben während ihres Studiums zuhause gewohnt, mein Vater hatte ein Stipendium und Sommerjobs im Lager. Ich bin anders aufgewachsen.

Ich habe mit 19 begonnen zu arbeiten, weil ich unbedingt ins Theater wollte. Gearbeitet habe ich, allerdings für lau. Muss man eben, dachte ich. Abgesehen davon, dass solche Arbeitsverhältnisse generell problematisch sind, hat es sehr lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass nicht jede:r unbezahlte Praktika machen kann. Bei vielen ist es keine Frage des Willens oder der Theaterbegeisterung mehr. Zwei Monate lang für umsonst arbeiten, in denen mensch auch nicht wirklich studieren kann?

„Dir fliegt alles zu.“

Das hat ein mir sehr wichtiger Mensch öfter zu mir gesagt. Lange war ich beleidigt. Ich gebe mir doch Mühe. Was kann ich dafür, dass mir universitäres Lernen leichtfällt? Aber es stimmt. Wenn man nicht arbeiten muss, ist es nicht schlimm, zwischen zwei Jobs mal ein paar Monate Pause zu haben. Ergibt sich aus einem Engagement der nächste Job, geht das praktisch wie von selbst. Ja, auch ich musste mich am Anfang behaupten. Aber ich hatte bis jetzt nie Druck, Job, Stipendium oder Studienplatz finden zu müssen. Es fällt einem gar nicht auf, wie trocken das Leben für andere ist, wenn mensch auf der Marmeladenseite liegt. Das ist nicht meine Schuld, klar. Aber ich profitiere trotzdem davon, dass meine Eltern Topverdiener:innen sind, mich mein Leben lang bei allem, was mir eingefallen ist, unterstützt haben und ich für den Lebenslauf anstatt fürs Geld arbeiten kann.

Läuft? Nicht immer.

Wenn ich etwas nicht gut kann, macht es mir keinen Spaß. Wem nicht? Dann lasse ich es lieber. Situationen, wo ich das nicht kann, gab’s in meinem Leben nur sehr, sehr wenige. Da ich mir in der Schule immer leichtgetan habe, bin ich immer irgendwie durchgerutscht. Vor meiner Matura hatte ich die Nase gestrichen voll, für Mathe fast nichts gelernt und eine 2 geschrieben. Das war Glück. Ich konnte immer Jobs machen, die mir Spaß machen. Ich hatte die Wahl und das ist ein Privileg.

Seit ich angefangen habe, wieder mehr zu schreiben, fahre ich mehrgleisig. Suche nach verschiedenen Plattformen, Open Calls etc. Das meiste schreibe ich unentgeltlich. Manchmal bekomme ich auch Absagen. Das ist nicht leicht. Es ist erst ein paar Monate her, dass ich realisiert habe, dass Talent auch mit Arbeit verbunden ist. Meistens schreiben sich meine Texte wie von selbst. Aber das ist keine Garantie, dass alle meine Texte toll finden und lesen/veröffentlichen wollen. Und es gibt Tage, da habe ich fünf halbe Ideen und keine wird was. Ich bin ja trotzdem noch am Anfang, irgendwie.

Ich bin erstmal überrumpelt, wenn es nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe. Wenn Prüfungen negativ ausgehen, mein Plan sich verzögert, jemand im übertragenen Sinne sagt „Schön, aber hat nicht gerreicht“ oder „Wir finden jemand anderen besser als dich“. Diese Reaktion erwarte ich erstmal nicht. Arrogant, auf jeden Fall. Ich bin damit aufgewachsen, dass meine Eltern alles toll finden, was ich mache. Das ist wunderschön. Es wäre leicht, in eine Abwehrhaltung zu verfallen oder alles hinzuschmeißen, was nicht auf Anhieb funktioniert. Manchmal bin ich auch sehr versucht. Dann wieder weiterzumachen, darauf kommt es an.

Dass mich meine Eltern finanzieren, obwohl ich arbeite und ein Stipendium habe, hänge ich ungern an die große Glocke. Gleichzeitig ist es mir unangenehm, Begünstigungen als „armer Student“ zu bekommen. Mit Scham und Ignoranz komme ich da nicht weiter, im Gegenteil, es hindert mich daran, meine Privilegien zu reflektieren. Ich stecke gerade mehr Zeit und Energie in mein Ehrenamt und das Schreiben, weil ich es kann. Ich kann jeden Tag eine Insta-Story zu Rassismusreflexion machen. Ich bin im Moment nicht darauf angewiesen, für jeden Artikel bezahlt zu werden. Mein Studium und mein Job laufen nebenher, weil ich mir mit dem Lernen und der Selbststrukturierung leichttue.

Ich will keinen Applaus, dass ich Niederlagen verkraften kann. Ich will mir auch nicht Gefühle wie Scham, Wut, Trauer und Angst verbieten, wenn ich scheitere. Ich will mir mehr ins Bewusstsein rücken, dass ich alle strukturellen Gegebenheiten habe, weiterzumachen.

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