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Orlando denkt

What’s in a name?

Ich habe mir meinen Namen selbst ausgesucht, ich bin trans. Zwei Dinge habe ich über meinen Namen aber nicht gewusst.

Mit Namen wird mensch nicht geboren. Viele von uns gehen mit einem anderen Namen durchs Leben als der, der ihnen gegeben wurde. Sei es ein Spitzname, ein Zweitname, aus welchem Grund auch immer er gewechselt wird. Vielleicht ist der volle Name peinlich, die Eltern waren Nazis oder die allergrößten Fans eines dauergewellten Schlagersängers. Oder irgendwie haben alle begonnen, einen anders zu nennen, als es in der Geburtsurkunde steht.

Es ist schon ungewöhnlicher, wenn Menschen selbst sagen: „Ich will nicht mehr so genannt werden“. Namen bekommt mensch eben?

Naja. Wer sich einmal sich selbst einen Namen geben musste, weiß, wie seltsam das ist. Es sollte sich richtig anfühlen, Glücksgefühle strömen durch den Körper, der Name erwählt dich wie Artus‘ Schwert. Du kannst dich gegen die Bestimmung gar nicht wehren, dass du eigentlich ein Fabian, Liam, Oliver oder Emil bist? Fehlanzeige. Zumindest bei mir.

Name gesucht

Alle Namen waren komisch. Kein Name hatte wirklich etwas mit mir zu tun. Schon gar nicht der, mit dem ich (noch) gerufen wurde. Besser ist dann einfach irgendein anderer, der nicht mein Geburtsname und weiblich assoziiert ist.

[Wenn meine Mutter das jetzt wieder liest: Ich mochte meinen Geburtsnamen immer sehr gerne. Ich finde ihn immer noch sehr schön. Es war weniger der Name an sich, als die Tatsache, dass er klar weiblich konnotiert ist.]

Ich probierte zwei andere Namen aus, bevor ich zu „meinem“ kam. Ich saß mit meinem Bruder in meinem Zimmer und überlegte herum. Von ihm kamen nur irgendwelche Fußballer-Namen, es war auch nichts anderes zu erwarten. Ich hörte gerade die ganze Zeit eine Händel-Oper. Der Titelheld Orlando ist zwar alles andere als ein Sympathieträger, aber für mich klang der Name weich und flamboyant. Ich bin kein Richard oder Christian. Und nach 5 Jahren denke ich kaum mehr darüber nach, dass ich jemals anders geheißen habe.

Ich hatte auch vorher keinen Allerweltsnamen. Das war mir weiterhin wichtig. Bloß nicht Richard oder Christian. Eher androgyn. Ich kannte „Orlando“ von Virginia Woolf und aus dem Italienischen. Zwei Dinge hatte ich aber nicht vorhergesehen:

1. Fast niemand spricht den Namen so aus, wie er gelesen wird. Am meisten höre ich (mit deutschem Akzent) Orlääändo. Auch, nachdem ich auf die italienisch-spanische Aussprache (Orlando) hingewiesen habe.

2. Orlando ist in spanischsprachigen Ländern sehr häufig. Vor allem Menschen aus Mittel- und Südamerika denken, dass ich auch Verbindungen dahin habe.

Was heißt das genau?

Der erste Punkt ist manchmal nervig und zerstört auch ein bisschen meine queere Identifikation damit. Ich habe ihn wegen Händels geiler Musik und der genderfluiden Romanfigur gewählt, nicht wegen einem Ort in Florida oder irgendeinem Schauspieler. Abgesehen davon, dass es mir vor Augen führt, wie ignorant Menschen sein können – aber immer noch aus der privilegierten weiß-österreichischen Perspektive!

Der zweite Punkt stimmt mich nachdenklich. Hätte ich, als weißer Österreicher, diesen Namen gewählt, wenn ich gewusst hätte, wie verbreitet er in Mittel- und Südamerika ist? Darauf gekommen bin ich erst, als ich mich spanischsprachigen Menschen vorstellte, die mich mit leuchtenden Augen angrinsten. Nein, ich kann nicht Spanisch. Nein, ich bin nicht aus Argentinien. Es wäre mir nie eingefallen, einen türkischen oder japanischen Vornamen zu wählen…

Es ist „nur“ ein Name…

Ja, es ist nur ein Name. Wann immer es zur Sprache kommt, stelle ich klar, woher der Name kommt und, dass ich ein weißer Österreicher bin. Hätte ich diesen Namen ausgesucht, wenn ich es vorher gewusst hätte? Ich weiß es nicht.

Es nervt, wenn Menschen meinen Namen wiederholt falsch aussprechen. Es verletzt mich, wenn Menschen (die nicht wissen, dass ich trans bin) meinen Namen für einen Künstler:innennamen halten. Eignet sich wohl gut als Blogname, weil erstmal niemand davon ausgeht, ich könnte wirklich so heißen – ätsch!

„Ist das dein Künstlername?“

Wahrscheinlich bin ich verletzt, weil es mir noch nicht so egal ist. Weil ich dafür Überzeugungsarbeit leisten musste, im persönlichen und beruflichen Umfeld, darauf gewartet habe, in der Uni und in Dokumenten mit dem richtigen Namen genannt zu werden. Aber meine Sprache und Kultur werden dadurch nicht unsichtbar gemacht. Meine Queerness, die sich durch einen androgynen, seltenen Namen ausdrückt, wird mit künstlerischer Performance verwechselt. Aber der Bezug zu meinen Eltern, die mir diesen Namen gegeben haben könnten, wird nicht ignoriert. Ein bisschen ist es also auch mimimi… Orlääändo klingt in meinen Ohren falsch, aber ich habe es mir ja auch irgendwie ausgesucht.

Ich wusste auch nicht genau, was ich mit diesem Text will. Lösung? Vielleicht bewusster damit umgehen, meine Privilegien nicht missbrauchen und die individuelle Verletzung insofern relativieren, weil es sich nicht um strukturelle Diskriminierung handelt, wenn jemand meinen Namen falsch ausspricht.

2 Antworten auf „What’s in a name?“

Ich finde den Namen OrlAndo einfach phantastisch. Und noch phantastischer finde ich eigentlich, dass er grade eben nicht alltäglich ist und die Eine oder den Einen für Bruchteile von Sekunden irritiert. Was vielleicht zu einer falschen Aussprache oder ungewöhnlichen Fragen führt. Aber dies passt für mich so wunderbar zu deiner persönlichen Geschichte. Denn diese irritiert auch, aber nur für Bruchteile von Sekunden, um dann in den Weiten gedanklicher Phantasien für immer zu verschwinden. Wie wollen wir in der Welt einen bleibenden Eindruck hinterlassen, würden wir nicht immer wieder unsere Mitwelt irritieren? 😊

Danke, das hast du sehr schön gesagt 🙂 Du hast vollkommen recht, Irritationsmomente sind zwar anstrengend, aber auch sehr sinnstiftend. Ich glaube, was mehr stört als wenn der Name 1x falsch ausgesprochen wird, ist, wenn das eben immer und immer wieder passiert (von der gleichen Person, obwohl sie darauf hingewiesen wurde). Aber damit bin ich sicher nicht alleine!

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