Kategorien
Blog

Gender Angst

In der letzten Woche wurde ich dreimal misgendert. Was das heißt?

„Guten Tag, die Dame! Würden Sie mir bitte folgen?“

„Na dann nehmen wir zuerst die Studentin dran!“

„Guten Tag, junge Frau! Was kann ich für Sie tun?“

Es nagt in mir. Ich sage, dass es mich nicht belastet, aber alle wissen, dass es nicht stimmt. Es tut weh, diese Sätze niederzuschreiben. Ich will nicht verwundbar sein.

„Oh.. Sie sind ja ein Mann!“

„Entschuldigen Sie bitte meine Kollegin!“

Der Sicherheitsbeamte am Flughafen wirkt fast ängstlich.

Keine Sorge, es ist 8:30 und ich habe besseres zu tun, als mich darüber bei Ihrem Vorgesetzten zu beschweren. Das denke ich und sage, „Alles gut.“

Sie glaubt mir nicht und ich mir auch nicht. Ich würde mir gerne ins Fäustchen lachen. In fast allen Situationen war es, von außen betrachtet, den anderen peinlicher als mir. Mädchen oder Junge..? Ja was denn nun?

Die Frage verletzt mich nicht. Die Verwirrung amüsiert mich. Und spätestens wenn ich, mit mehr oder weniger gequältem Lächeln, souverän brummend antworte, sitze ich wieder am längeren Hebel. Ein Mann also. Mein Gott, wie peinlich. Rot laufen sie an, weil sie meinen unsichtbaren Schwanz nicht gesehen haben, den es gar nicht gibt.

Der unsichtbare Schwanz ist in dem Fall meine Stimme. Spätestens dann werden sie stutzig. Diese Sicherheit hatte ich nicht immer. Vor zweieinhalb Jahren entschloss ich mich, kein Testosteron mehr zu nehmen. Ich wollte nicht zu sehr vercismännlichen. Hormontherapie auf Zeit war von Anfang an mein Plan.

Also hörte ich einfach auf.

Zu Beginn passierte wenig. Mein kaum vorhandener Bart wurde immer dünner, mein Gesicht schlanker, meine Augen größer, mein Bauch kleiner. Nach ein paar Wochen merkte ich, dass mein Hals die ganze Chorprobe hindurch schmerzte. Auch meine Sprechstimme war höher geworden. Menschen auf der Straße warfen meiner Beziehungsperson und mir immer öfter Blicke zu.

Das war neu für mich. Ich hatte es erlebt, misgendert zu werden – gewöhnt hatte ich mich daran nie. Ich hatte keine Erfahrung, als Teil eines „gleichgeschlechtlichen“ Paares wahrgenommen zu werden. Vor allem in Wien fühlte ich mich unter ständiger Beobachtung.

Die Situationen häuften sich, wo ich mich outen musste, damit Menschen mich männlich ansprachen bzw. auf die Idee kamen, dass ich keine Frau war. Ich sah kein Gleichgewicht mehr im Spiegel. Also rasierte ich mir die härteste aller Frisuren, einen Undercut, und achtete auf meine Kleidung. Ich kam mir nur verkleidet vor, und kein Stück maskuliner.

Das Experiment war gescheitert.

Ich brauchte Testosteron. Am Papier dekonstruiere ich Geschlechterrollen im Schlaf, im echten Leben knicke ich ein. Will flüchten vor den Blicken, den falschen Pronomen, den Zuschreibungen. Ich hätte gern einen Schutzschild, unter dem ich Nagellack und lange Haare trage, mich wohlfühle, auch ohne Bart. Ich hätte gerne eine Welt, in der ich nicht von anderen, fremden Menschen abhängig mache, wie ich mich präsentiere.

Ich fühle mich wohl mit vielem. Ich mag meinen behaarten, runden Bauch. Meine Arme mochte ich auch glatt. Ich mag mich in vielen verschiedenen Kleidungsstücken. In Skinny Jeans sind meine Beine drei Meter lang und meine Hüfte schwingt. Ich würde gerne wieder einen weiten Rock tragen und mich darin drehen, unter meinem Schutzschild. Eine Glasglocke, niemand sieht mich, ich sehe sie alle.

Ich mache das alles selten. Weil ich faul bin, weil ich mir dauernd in die Augen fasse und mein Make-Up ruiniere. Und weil ich ein Schisser bin. Ist bequemer so, cismännlich gelesen.

Das cis ist mir egal.

Ich würde gerne trans gelesen werden. Männlich plus. Queer. Diesseits/jenseits. Es gibt so viele Möglichkeiten. Aber nicht bei uns.

Tatsache ist, Androgynität wird ausgeblendet. Ich kann nicht genderqueer durchs Leben gehen, nichtbinär wahrgenommen werden, wenn ich mich nicht damit anfreunde, entweder als männlich oder weiblich wahrgenommen zu werden. Die Alternative zu „maskulin performen“, also „männlich gelesen werden“, ist „weiblich gelesen werden.

Ersteres macht mir nichts aus. Ich bin kein Mann, aber so what. Letzteres kann vielleicht erträglich werden. Wenn darauf Verwirrung folgt. Mein Körper bewegt sich zwischen zeitlichen und räumlichen Axen. Männlich und weiblich. Dieses war mal so, ist jetzt anders. Jenes ist immer gleich. Die Gleichzeitigkeit von Maskulinität und Femininität auf meinem Körper wollen Menschen nicht wahrhaben. Was mir bleibt, ist die Zeit. Die drei Sekunden zwischen „Guten Tag, junge Frau“ und „Oh, ist ja doch ein Mann.“

Und die Erleichterung, schlussendlich. Die Erleichterung, dass ich mir in zwei Wochen einen passablen Vollbart wachsen lassen kann. Einmal den Mund aufmache und durchatmen kann. Ich habe mir meine eigene kleine Komfortzone eingerichtet. Es tröstet, dass ich immer wieder dahin zurückkehren kann, wenn ich müde bin.

Aber es schadet nicht, ab und zu vor die Tür zu gehen. Vielleicht bekomme ich dadurch eine dickere Haut, owne jede Frau, Dame und Studentin, die an mir runtertropft, denke weniger nach, für wen ich mich eigentlich style.

Und brauch am Ende gar keinen Schutzschild mehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.