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Orlando schreibt

Großstadtkind.

Benzingeruch. Rücksichtslose Autofahrer:innen. Stickige U-Bahnen. Und Menschen. Überall Menschen.

Ich liebe das. Ich bin ein Großstadtkind. Ich fahre im Straßenverkehr Fahrrad, seit ich 13 bin. Ich bin es gewohnt, überall nicht länger als 30 Minuten hin zu brauchen. Ich sehe einen Baum, eine einbetonierte Hundetoilette, und denke mir: „Schön, grün!“

Jetzt wohne ich wieder in der Großstadt. Mein Herz hüpft. Ich bin zutiefst befriedigt von meiner Abneigung den Menschen gegenüber. „Das ist der Wiener in mir“, sagte ich kürzlich zum Lieblingsmenschen, als wir über junge Bobos ablästerten, die im Café zu zweit drei Bänke belagerten. „Ich hasse Menschen. Andere ziehen sich deshalb zurück. Aber ich gehe liebend gerne unter Menschen, um mich über sie aufzuregen.“

Es wäre ja nicht so, als hätte es in Potsdam niemanden gegeben, über den man sich aufregen könnte. Die brandenburgische Landeshauptstadt ist mit knapp 200.000 Einwohner:innen auch eine Großstadt und am Wochenende ist die Fußgängerzone richtig voll. Und wenn es schon keine rücksichtslosen Teenager oder egoistischen Topverdiener sind, bleibt immer noch der Busfahrer, der von der nächsten Haltestelle überrascht wird. Es gibt in Potsdam wenige Orte, an denen Bobos und Hipster in Massen abhängen. Die Häuser sind so niedrig, dass selbst ich mit meinen 1,60 m Körpergröße mich nicht verlieren kann.

Ich brauche Straßenschluchten. Die leeren Blicke der arbeits- und einkaufswütigen Passant:innen, die mich umnieten, wenn ich sie nicht zuerst anremple. Ich will wieder zu spät kommen können. Wenn alle zwanzig Minuten eine Straßenbahn fährt, komme ich lieber 15 Minuten zu früh. Stehe dann vor irgendeiner Tür im weit entfernten Berlin und tippe auf meinem Handy herum. Trinke teuren Kaffee, den desinteressierte Hipster auf eine Theke knallen, zum Zeitvertreib.

Jetzt wohne ich in Berlin. Jetzt habe ich die Wahl, schnell zuhause einen Kaffee zu trinken oder dem Hedonismus zu frönen. Ich kann wieder Fahrrad fahren. Berlin ist ja so schlimm zum Fahrrad fahren, dachte ich. Aber ich bin mein Leben lang in einer Großstadt gefahren und der Ringradweg ist auch erst seit ein paar Jahren grün angemalt. Ich kann spontan sein. Um 18 Uhr beim verspäteten Mittagessen frühen Abendessen sitzen und ohne Stress um 19:30 bei einer Party sein. Es ist egal, wann wir das Haus verlassen. Wir brauchen mit dem Rad 20 Minuten, alle 5 Minuten kommt eine S-Bahn.

Das einzige, was nicht so ganz klappt, ist die Sache mit der Großstadtanonymität. Allein gestern habe ich innerhalb einer Stunde drei Menschen gesehen, die ich aus demselben Umfeld kenne. Ganz zufällig auf der Straße. Und meine Nachbar:innen sehen es nicht mal, wenn ich nackt durch die Wohnung laufe. Vor dem Fenster nur Bäume. Aber dahinter Rauschen und Hupen. Großstadtlärm.

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