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Orlando schreibt

International Non Binary People’s Day 2020.

Ich sitze zwischen Pappkartons und habe soeben meinen Schreibtisch zerlegt. Mein Laptop ist das letzte Bisschen Alltag. Instagram sagt mir, dass heute der International Non-Binary People’s Day ist. Das war’s dann wohl mit der umzugsbedingten Schreibpause…

Gender: Keinefrau?

Mein Coming-Out kam langsam aus heiterem Himmel. Ich hatte das Wort „trans“ nie mit mir verbunden. Das waren andere Menschen, die ihren Körper ablehnen, die wie ihr Vater sein wollen, ein Typ eben. Die Fassade der Superfrau, die ich immer sein wollte, bröckelte ein paar Monate lang. Ich ging ins Fitnessstudio. Ein kleiner Riss. Ich schnitt mir die Haare kinnlag. Ein Knacks. Ich las „Female Masculinity“ von Jack Halberstam. Noch einer. Ich rasierte mir einen Undercut. Ein ganzer Ziegelstein. Ich saß in einem Workshop, hörte den Referenten erzählen: „Ich dachte einfach immer, ich muss eine Frau sein.“ Es war das erste Mal, dass ich bewusst eine nicht-binäre Person getroffen hatte. KRAWUMMMS. Ich war gerade dabei gewesen, hinter die Fassade zu blicken, aber da war nichts mehr.

Ich wusste nun also: Es gibt Menschen, die sind weder männlich noch weiblich. Oder beides gleichzeitig. Oder abwechselnd. Oder haben kein Geschlecht. Eine Zeit lang mäanderte ich um die Bezeichnung trans herum. Ich kaufte mir „Männerunterwäsche“, zog manchmal einen BH an. Ich war mir unsicher, aber ich wusste irgendwie, was ich mein Leben lang nur diffus wahrgenommen hatte: Ich bin keine Frau. Aber was dann?

Es war alles komisch. Trans hatte einen komischen Geschmack in meinem Mund. Das sollte ich sein? Andererseits stürzte ich mich in Bücher und Online-Foren. Die vielfältigen Lebensrealitäten von trans Personen sind in unserer Öffentlichkeit kaum abgebildet. Woher hätte ich auch wissen sollen, wieviele Wege es gibt, trans zu sein?

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So ungefähr lässt sich meine bisherige Reise durch das Genderalphabet zusammenfassen. Fühlt sich schöner an, als es aussieht. Es gibt sicher Menschen, die nicht so viele Zwischenstationen mitgenommen haben wie ich. Die anfängliche Unsicherheit würde ich nicht als Geschlechtslabel bezeichnen, doch war sie für meinen Prozess absolut wichtig. Ich hatte nie das starke Bewusstsein, oder auch nur ein leises Gefühl, dass ich ein Mann bin. Dem verdanke ich auch die stabile Superfrau-Fassade. Als die dann weg war, blieb wenig bekanntes übrig. Woher weiß ein Mensch, welches Geschlecht er:sie hat? Es ist ein Gefühl, eine Gewissheit, es ist einfach so. Cis Menschen tun sich erfahrungsgemäß noch viel schwerer damit, ihr Geschlecht zu beschreiben.

Ich versuchte, vor allem im Vergleich mit anderen, herauszufinden, was ich denn bin. Oder wer ich bin. Ich hatte in meinem Umfeld viele nicht-binäre Menschen, die damit auch ganz selbstbewusst umgingen. Die viel mehr Mut zu Schminke, frei hängenden Brüsten und rosa Blumenprints hatten als ich, der ich alles tun wollte, um irgendwie männlich gelesen zu werden. Ich fühlte mich zwar nicht binär genug, weil ich ja nicht so wirklich ein Mann sein wollte, aber auch nicht nicht-binär genug.

Dann muss ich ein Mann sein…

…und war aber keiner. Ich grenzte mich damit zu den anderen trans Menschen in meinem Umfeld ab, deren Weg so anders verlief als meiner. Andererseits gelangte ich zu diesem Fehlschluss, weil sowohl die Gesellschaft als auch die rechtlichen und medizinischen Institutionen, auf die trans Menschen angewiesen sind, binär denken. Es gibt Männer, es gibt Frauen. Manchmal wollen Frauen Männer werden, wenn sie sehr leiden, und wer kann es ihnen denn verdenken: Was ist in unserer Gesellschaft besser, als ein Mann zu sein? Kann es dann Männer geben, die weiterhin ihre Periode haben wollen? Frauen, die operative Haarentfernung ablehnen? Kann es Menschen geben, die auf die starren Kategorien von „männlich“ und „weiblich“ pfeifen? Dass es diese gibt, verstimmt diejenigen, die über unsere Zukunft entscheiden.

Weil sie eines nicht begreifen: Es ist keine Wahl. Es ist genauso wenig eine Entscheidung, nicht-binär zu sein, wie cis zu sein oder sich vor Koriander zu ekeln (google it). Ja, ich bin stolz darauf, trans zu sein. Ja, ich bin zufrieden damit, nicht-binär zu sein. Ja, ich habe meistens Spaß daran, androgyn durchs Leben zu gehen und Menschen zu verwirren. Aber ich habe es mir nicht ausgesucht. Es kommt eigentlich nie vor, dass ich mir wünsche, cis zu sein. Wäre mir zu langweilig, denke ich. Und meine Vulva gegen einen flapsigen Penis eintauschen? Kommt nicht in die Tüte!

Ich habe in meinem Leben lange genug versucht, eine Frau zu sein. Eine queere, feminine und/oder maskuline – Hauptsache Frau. Wäre auch echt nice gewesen, feministisch gesehen und so. Wenn ich sage, es hat nicht geklappt, dann ist das so. Ich habe in den letzten Jahren mal mehr, mal weniger versucht, ein Mann zu sein. Ich genieße viele Vorteile, wenn ich so wahrgenommen werde. Aber es bin trotzdem nicht ich. Genderqueer finde ich ein cooles Wort. Es ist für mich, wie queer, politisch, und so wunderbar frei und offen. So, als hätte ein Einhorn auf die doofen blauen und rosa Label gekotzt und es ist nichts mehr zu erkennen, außer regenbogenfarbener Zuckerwatte.

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