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Orlando denkt

Oben ohne.

Das ist mein erster Sommer mit Flachbrust. Flachbrust im Sinne von keine Brüste mehr. Zeit, um über toxische Männlichkeit nachzudenken.

Vor einem knappen Jahr habe ich das gemacht, was sich geschlechtsangleichende Operation nennt. Eine Mastektomie also, bei der aber nicht, im Vergleich zu einer Krebsbehandlung/-prävention, alles Brustgewebe entnommen wird. Es wird genau genug übriggelassen, um eine männliche™ Brust zu formen. Trotzdem ist meine Brust jetzt flach. Und männlich™.

Warum habe ich diese OP gemacht?

Um in gesellschaftlichen Situationen öfter als Mann wahrgenommen zu werden? Um seltener misgendert zu werden? Um am Strand weniger aufzufallen? Um oben ohne im Park zu liegen?

Es ist Sommer. Nackte Brüste radeln durch die Stadt, watscheln durch den Supermarkt, trinken Bier in der Fußgängerzone. Nackte Brüste tragen ein Kind mit Bikini. Diese Brüste sind nackt, weil sie Männern™ gehören. Auch ich könnte das tun. Ich könnte jetzt, am 25. Juli 2020, auf der Straße mein T-Shirt ausziehen. Gehört sich aber nicht, würden sich die Leute nur in gewissen Bezirken denken. Vor einem Jahr hätten sie überall so reagiert. Mir vorgeschrieben, etwas überzuziehen. Mich anzeigen können. Mich des Supermarkts/des Lokals/des Schwimmbades verweisen können. Mich unaufgefordert angesprochen, fotografiert, angefasst.

Vor einem Jahr waren meine Brustwarzen ein paar Zentimeter weiter unten und größer. Vor einem Jahr war da so viel Fett, dass es in einer großen Falte über meine Rippen hing.

Vor einem Jahr hatte ich eine Frauenbrust™.

Es ist dieselbe Haut, dasselbe Gewebe, dieselben Brustwarzen, dieselben Nippel, dieselben Haare. Nur von allem ein bisschen viel weniger. Jetzt könnte ich von derselben nackten Brust ein Bild auf Instagram posten. Ich habe es sogar schon getan. Davor nicht. Weil erstens, viel zu intim, zweitens, das macht man ja nicht, und drittens, es wird gelöscht, weil OHMEINGOTT obszön. Das ist ganz schön absurd.

Ich könnte mich jetzt auf Gendereuphorie ausreden. Ich bin ja trans. Ich durfte ja vorher nie, ich wollte ja vorher nie. Endlich ich, endlich mein Körper wie ich ihn mag, ein langer Weg, ich habe es verdient, vor aller Welt stolz auf meine flache Brust zu sein. Diese öffentliche Party ist trans Frauen nach einem Brustaufbau allerdings nicht gestattet. Weil Gender. Weil heteronormative Gesellschaft, die festlegt, welche Körperteile gezeigt werden dürfen. Und das Ganze ist noch perfider: Welche Körperteile zur Schau gestellt werden dürfen, je nachdem, wem sie gehören! Es gibt viele cis Männer, die größere Brüste haben als cis Frauen. Diese verstoßen zwar gegen gesellschaftliche Schönheitsideale, werden aber doch toleriert. Hier handelt es sich allenfalls um Fatshaming, es ist aber noch kein Fall für die Genderpolizei.  Nicht vorzustellen, was passierte, wenn eine hochgewichtige cis Frau ihre nackten Brüste zeigte…

Kürzlich habe ich einen Instagram-Post gelesen, den ich leider nicht mehr finde, wo es genau um diese Frage ging:

Üben trans männliche/nicht-binäre Menschen toxische Männlichkeit aus, wenn sie oben ohne sind?

Ich traue mir kein pauschales Urteil zu. Es gibt sicher einen Unterschied zwischen jenen, die cis männlich gelesen werden und jenen, die weiterhin als weiblich/androgyn wahrgenommen werden. Ich habe, wenn ich will, einen Vollbart. Ich habe, wenn ich will, kurze Haare. Ich habe, auch wenn ich nicht wollen würde, eine tiefe Stimme. Ich habe jetzt auch eine flache Brust.

Ist das noch Sexismus? Intersektionalität am eigenen Körper.

Ich habe zwei lange, an manchen Stellen ein Zentimeter dicke Narben auf der Brust. Sie sind statt leuchtend rot nur mehr rosa oder blasslila, je nach Temperatur. Ich habe so einen Stimmungsring auf der Brust, wie geil. Ich falle also weiter auf. Vor meinem ersten Schwimmbadbesuch war ich supernervös. Ich überlegte mir, einfach wieder nachhause zu fahren. Ich hatte Angst vor den Blicken. Panik, dass mich erst wieder jemand aus der Männerumkleide wirft. Ich erwartete im Schwimmbad Abneigung oder Verwirrung. Stattdessen sah ich, wie die Menschen von meiner Brust schnell wieder betreten wegschauten. Riesige Narben. Schlimme Krankheit. Autounfall. Lungentransplantation. Trans ist so ziemlich das letzte, was den meisten einfällt. Weil das meiste andere bei mir die Männlichkeits-Kästchen erfüllt. Weil es ja auch das Ziel des Eingriffs ist, meine Brust einer männlichen™ anzunähern. Annähern heißt, mensch weiß schon, was damit gemeint ist, auch wenn es vielleicht knapp daneben ist, ein missglückter Versuch.

Es geht mir nicht darum, als Mann™ wahrgenommen zu werden. Es geht mir auch nicht darum, eine optisch möglichst hypermännliche Brust zu haben. Ich falle jetzt in der Männerumkleide – vor allem von hinten – nicht mehr so auf. Das ist für mich keine Frage der Gendereuporie – Oh, andere Männer erkennen mich endlich als ihresgleichen! – sondern der Sicherheit. Was ist denn das? Was hast du denn zwischen den Beinen? He, hier ist eine Frau. Dass mir solche Situationen bis jetzt kaum passiert sind, liegt auch daran, dass ich gegenderte Orte wie Sport- oder Schwimmbadumkleiden in den letzten sechs Jahren konsequent gemieden habe.

Da ich die Operationsvariante mit großen Schnitten hatte, werde ich nie gleich wahrgenommen wie jemand, der eine flache Brust hat, zwei Brustwarzen und sonst nichts. Wie ein nichtbehinderter cis Mann. Wenn ich Aufsehen oder Abneigung errege, weil ich mit meiner nackten Brust herumlaufe, dann geschieht das eher aufgrund von Ableismus (Behindertenfeindlichkeit) als wegen Sexismus. Ich habe begrenzte cis Männlichkeitsprivilegien und trotzdem profitiere ich von toxischer Männlichkeit. Ich muss mir kein T-Shirt drüberziehen, die Menschen schauen einfach weg.

Der Bademeister würde mich nie dazu auffordern, mich zu bedecken. Die Kinder im Schwimmbad würden höchstens auf meine Narben zeigen. Ihre Eltern würden sie wegziehen, weil man da ja nicht so hinguckt, und nicht, weil das genau genommen sehr flache Frauenbrüste™ sind.

Deshalb tue ich es nicht. Mein erster flachbrüstiger Sommer ist vor allem ein Sommer voll Beobachtungen und Reflexion. Ich ziehe mein T-Shirt nur an drei Orten aus: Zuhause, beim Schwimmen oder in der freien Natur, weit genug entfernt von Fremden. An zwei der drei Orten ist es auch für weiblich gelesene Menschen theoretisch möglich und fast konsequenzbefreit, oben ohne zu sein. Deshalb poste ich hierzu kein Bild meiner nackten flachen Brust. Das ist schön für mich, aber ein anderes Thema.

Ich habe lange gewartet, meinen Körper zeigen zu können. Es jetzt zu tun, bei jeder erdenklichen Möglichkeit, kommt mir billig vor. Meine Freund:innen, Familienmitglieder und Kolleg:innen warten immer noch.

Anmerkung: Auch wenn ich aufgrund meiner Narben vielleicht manchmal als chronisch-krank/be_hindert wahrgenommen werde, würde ich diese Selbstbezeichnung nicht für mich beanspruchen. Ich sehe Trans Sein nicht als Be_hinderung, weder über eine körperliche, noch soziale Definition, und ordne meine Entscheidung für diese Narben als selbst gewählt ein.

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