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Orlando denkt

Kind oder Grundrechte.

Trans Menschen sollten in Deutschland keine Kinder kriegen. Das ist gesetzlich verankert. Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg und ich kann nichts tun, außer zu schreiben.

Ich glaube oft, ich bin unantastbar. Stark. Schwimme gegen den Strom. Lebe gerne neben dem Mainstream. Mache mir nichts draus, dass mich Teile der Gesellschaft nur als heterosexuelle cis Frau akzeptieren würden.

Aber ich bin auch naiv. Ich vergesse oft, dass ich immer noch marginalisiert bin. Das hat nichts mit meiner Stärke zu tun. Ich kann so viel Leckt-mich-am-Arsch-Attitüde haben, wie ich will. Ich bin nicht der einzige, der über mein Leben entscheidet.

Wenn mir das bewusst wird, wird mir heiß und kalt zugleich. Mein Mund steht offen, aber es ist trotzdem alles zu eng. Dann wird mir bewusst, dass es sich nicht einfach geben wird, so mit der Zeit.

Diskriminierung ist gesetzlich verankert: im TSG.

Aus gegebenem Anlass (den ich hier noch nicht nennen kann) warf ich wieder einmal einen Blick ins TSG, das Transsexuellengesetz. Da steht u.a. geschrieben:

§ 7 Unwirksamkeit

(1) Die Entscheidung, durch welche die Vornamen des Antragstellers geändert worden sind, wird unwirksam, wenn

1. nach Ablauf von dreihundert Tagen nach der Rechtskraft der Entscheidung ein Kind des Antragstellers geboren wird, mit dem Tag der Geburt des Kindes, oder

2. bei einem nach Ablauf von dreihundert Tagen nach der Rechtskraft der Entscheidung geborenen Kind die Abstammung von dem Antragsteller anerkannt oder gerichtlich festgestellt wird, mit dem Tag, an dem die Anerkennung wirksam oder die Feststellung rechtskräftig wird.

Quelle: TSG – Paragraf 7

Kurz: Es ist in Deutschland gesetzlich verankert, dass die Namens- und Personenstandsänderung einer trans Person rückgängig gemacht werden kann, wenn diese ein Kind bekommt. Praktiziert wird das kaum noch. Aber es gibt dieses Gesetz und nach dem dürfte streng genommen gehandelt werden.

Ich bin fassungslos. Meine Gefühle fließen in die Tasten und ich kann nicht sagen, was aus ihnen wird. Vielleicht ein unkenntlicher Einheitsbrei. Alles braun, alles kacke. Aber das stimmt einfach.

Ich dachte immer, es ist noch lang hin und bis dahin sieht die Welt ganz anders aus. Das stimmte auch teilweise. Bei meinem ersten Coming Out vor über zehn Jahren konnten wir in Österreich von der Ehe für alle nur träumen. Damals gab es gar nichts. Trans Menschen sind heute sichtbar, sitzen in Landtagen und spielen in Hauptabendserien. Aber diskriminierende Gesetze wie das TSG sorgen immer noch dafür, dass wir nicht über unser Leben bestimmen können.

Wie würdest du dich entscheiden: Kind oder Persönlichkeitsrechte?

Es gibt keinen Sterilisationszwang mehr in Deutschland. Trans Personen können, wollen und dürfen genauso Kinder bekommen wie alle anderen Menschen auch. Kinderwunsch macht sie nicht weniger trans. Ich weiß schon länger, dass in Deutschlang gebärende Personen grundsätzlich immer als Mutter eingetragen werden. Bei vielen trans Menschen bedeutet das, dass ihr Geburtsname und „weiblich“ in der Geburtsurkunde ihres Kindes steht.

Wenn ich als Österreicher, der nicht den gerichtlichen Prozess über das TSG durchlaufen hat und für den deutschen Staat nicht ersichtlich trans ist, in Deutschland jetzt ein Kind bekomme, würde ihm wochenlang keine Geburtsurkunde ausgestellt werden. Systemfehler. Ich habe geboren und es gibt für den deutschen Staat keinen weiblichen Namen, mit dessen Eintragung sie mich erniedrigen können.

Dass das so ist, weiß ich schon länger. Ich habe die Sorge darum immer aufgeschoben. Will jetzt keine Kinder, bis dahin wird sich vieles ändern. Aber oben zitierter Paragraf ist immer noch in Kraft. Und gibt Richter:innen freie Handhabe, Personenrechte von Menschen zu verletzen, die sich noch dazu in Ausnahmesituationen befinden. Menschen gebären oder zeugen Kinder und hätten in dem Moment viel besseres zu tun, als ihre Grundrechte zu verteidigen und gegen Windmühlen anzulaufen.

Ich habe einmal von einem trans Mann gelesen, der extra für die Geburt ins Ausland gefahren ist, um in der Geburtsurkunde seines Kindes als alleiniger Vater zu stehen. Ins Ausland! Kurz vor der Geburt! Und nein, es war kein Nachbarland von Deutschland.

Some things never change.

Es wird sich nichts ändern, wenn wir nichts tun. Wenn strukturelle Diskriminierung runtergeredet wird. Ich bin in vielen Aspekten privilegiert. Ich werde auf der Straße praktisch nie angepöbelt. Aber ich bleibe weiterhin marginalisiert. Das ist vermutlich das, was meine Mutter meinte, als sie sich Sorgen machte, dass ich es schwer im Leben habe, weil ich trans bin.

Sie hatte recht. Ich habe es nicht unbedingt leichter. Aber wir trans Menschen können nichts dafür. Wir wollen einfach nur leben und, wenn wir schon den Behördenscheiß durchlaufen, auch damit abschließen können, und Kinder kriegen, wenn wir es wollen.

Ich bin so wütend. Ich hoffe, nicht mehr so naiv zu sein. Ich lasse gleichzeitig nicht immer zu, mich angreifbar zu machen. Ich wünsche mir Solidarität. Und dass sich bald mal etwas ändert.

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