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Orlando denkt

Let’s talk about…

Sex. Über (Un-)lust, Scham und Konsens. Ein kleines Coming Out.

Warnung: Es geht ein bisschen um Sex, vor allem über das Reden darüber.

Ich hatte lange kein Wort für mich. Ich hätte nie aktiv danach gesucht. Ich habe mich dafür geschämt. Ich habe darauf gewartet, dass ich genauso empfinde wie die hormongesteuerten Teenager in den Serien. Und gleichzeitig gewusst, dass das nie passieren wird.

Ich habe über Sex geschrieben, lange bevor ich welchen hatte. Ich habe nicht darüber geschrieben, weil ich es so geil fand, sondern weil es zu guten Liebesgeschichten eben dazugehört. Wenn ich diese Texte von meinem verliebten, vierzehnjährigen, lesbischen Ich jetzt lesen würde, würde es mich schütteln. Irgendwelche Klischees von Wellen und Perlen, bisschen Geseufze und Gestöhne, mehr nicht. Keine Intimität, kein Schweiß, kein Frust.

Ding ist, nicht alle Menschen sind gleich sexuell. In der Schule lernte ich irgendwas von Asexualität. In Fernsehserien sah ich Menschen, die darunter litten, dass sie keine Lust hatten. Dass Sexualität ein Spektrum ist, eine Glitzerwolke oder ein Großstadtdschungel, habe ich nie gelernt. Um mich herum ging es irgendwie nur darum, sei es, ob mensch Sex hatte oder bedauerlicherweise leider noch nicht. „Wen findest du aus der Klasse am heißesten?“, fragte mich mein Kumpel, und ich konnte allenfalls eine Person nennen, die ich ästhetisch schön fand.

Anders ist okay, aber nicht so?!

„Das war sicher schwierig für dich?“, fragen mich Menschen mitfühlend. Ich war der einzige geoutete queere Teenager in meiner Klasse, ich bin trans und in einer Gesellschaft aufgewachsen, die mir eingeredet hat, eine gute Frau sein zu müssen. Aber ich hatte nie Scham und Abneigung mir selbst gegenüber. Ich bin happy trans zu sein. Ich war manchmal überfordert, aber da war kaum internalisierte Transfeindlichkeit, kein Selbsthass, den ich jahrelang perfektioniert habe. Das Abschütteln der alten Rolle war nicht schwer.

Anderssein ist leichter, wenn mensch sich selbst akzeptiert. Dazu gehört auch, dieses Anderssein selbst zu benennen, ihm Raum zugeben. Ich sagte, „Ich bin lesbisch“, und war damit alleine, aber es war mein Ding. Ich war stolz drauf. Ich durchforstete nächtelang das Internet. Nie im Leben wäre mir als Teenager eingefallen, mich in derselben Weise über (A-)Sexualität zu informieren, zu vernetzen und zu schreiben. Ich wartete ja immer noch darauf, eines Tages aufzuwachen und ganz viel Sex haben zu wollen.

Ein bisschen lebte ich in einer Parallelwelt. Ich hatte in der Schule keine Beziehung und wenige sexuelle Erfahrungen. Wir redeten im Freund:innenkreis kaum darüber. Ich wurde also selten auf mein Anderssein gestoßen. Ich wurde nicht damit konfrontiert, nicht zu genügen oder zu funktionieren. Ich war fast achtzehn, als ich mit einer Freundin übers Masturbieren sprach. Sie machte es fast täglich, ich nie. Ich war schockiert. Also lag es doch an mir.

Meine erste Beziehung war die Beweisprobe und ging voll daneben. In mir war viel Liebe und noch viel mehr Druck, alles richtig zu machen, alles zu geben, alles zu wollen. Ich wurde verletzt und verletzte viel, weil ich mich selbst nicht kannte, meine Grenzen nicht aufstellen konnte und meine Gefühle unterdrückte. In dieser Zeit war ich in sehr sexuell aktiven queeren Kreisen unterwegs. Damals habe ich das schlecht ausgehalten, weil ich mich 1. dadurch ungenügend fühlte und 2. es mich einfach nicht interessiert hat. Im Nachhinein betrachtet war es sicherlich gut, dass ich so lange Single war. So lernte ich langsam, mich selbst zu akzeptieren.

Ich bin demisexuell.

Sexualität ist ein Spektrum oder was auch immer. Kein Entweder-Oder. Kein Gut-Schlecht. Es gibt so eine große Bandbreite, wie es Menschen gibt. Es gibt Menschen, die oft Lust auf Sex haben. Es gibt Menschen, die nie Lust auf Sex haben. Es gibt Menschen, die masturbieren, aber keinen Sex mit anderen Menschen haben. Es gibt Menschen, die mit ihrer/ihren Beziehungsperson/en Sex haben, auch wenn sie das selbst für ihr Glück nicht brauchen. Nicht alle Menschen haben gleich viel Lust.

Und manche Menschen haben generell keine Lust auf casual sex, so wie ich. Selbst mit ganz viel Fantasie kann ich mir nicht fremde Menschen mit mir im Bett vorstellen. Selbst, wenn ich die attraktiv finde oder sehr sympathisch. Wenn ich schreibe, dass ich Sexualität erst in einer Art von romantischer Beziehung mit jemandem teilen will, klingt das furchtbar altbacken. Es liegt aber einfach daran, dass ich demisexuell bin.

Dass ich das wusste und vor mir selbst und anderen sagen konnte, machte nicht alles einfacher. Konsens ist immer noch ein Thema, an dem ich arbeite. Andererseits, das sollte Konsens auch sein.

Ich rede gerne über Sex, ich finde Sexualpädagogik spannend und interessiere mich für Themen der Sozialen Gerechtigkeit, die mit Sex zusammenhängen. Sex-positiv sein hat erstmal nichts damit zu tun, wieviel Sex mensch selbst hat. Sex-positiv sein, heißt auch nicht, dauernd und immer über Sex zu reden.

Ich verstehe immer noch nicht ganz, wie die Gehirne und Schwellkörper von sehr sexuellen Menschen funktionieren. Geht ihr auf der Straße entlang, seht eine Person und stellt euch die im Bett vor? Seid ihr angetörnt von Körperteilen? Ich finde die Vorstellung seltsam und lustig. Ist es echt so wie im Film? Ich finde Menschen attraktiv, interessant und schön, bei manchen denke ich mir auch, dass ich sie gerne näher kennenlernen würde. Bei demisexuellen Menschen funktioniert das so: Ich würde die Person gerne näher kennenlernen, weil ich sie sympathisch/hübsch/attraktiv finde, und vermute, dass ich mich in sie verlieben könnte, wenn sie mir wirklich sympathisch ist, und dann irgendwann würde ich Sex mit ihr haben wollen, wenn ich mich wirklich verliebt habe. Klingt komplizierter als es ist und hat bis jetzt ganz gut funktioniert.

Ich weiß mittlerweile, wie ich ticke und was ich brauche. Müsste ich mich noch einmal auf eine neue Person einlassen, könnte ich das von Anfang an kommunizieren und meine Grenzen aufstellen. Ich weiß einfach, dass ich Menschen erst sexuell interessant finde, wenn ich mich in sie verliebe. Ich weiß auch, dass ich nicht immer Sex haben will und erst das Vertrauen aufbauen muss, dass ich weiß, es ist okay, wenn ich keine Lust habe.

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