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Orlando liest: Funktionieren und irgendwann wieder leben.

In den letzten Wochen habe ich unbeabsichtigt zwei Bücher gelesen, die sehr viel miteinander gemeinsam haben. Es geht ums (Über-)leben, psychische Gesundheit und ganz unprätentiös auch mal um Hoffnung.

Content-Warnung: Tod, Trauer, Depression, Selbsttötungsgedanken.

Joan Didion: „The Year of Magical Thinking“ (2005, Engl.)

Life changes fast. Life changes in the instant. You sit down to dinner and life as you know it ends.

Ich kaufte einen Roman. Ein Jahr der Hoffnung. Eine Frau, die von der fantastischen Vorstellung besessen ist, ihren verstorbenen Ehemann wieder unter die Lebenden zu bringen.

Ich las Memoiren. Über Trauer, Wut, Hilflosigkeit, Einsamkeit. Das Buch entsprach überhaupt nicht dem, was ich erwartet hatte.

Joan Didion beschreibt darin prozessartig über die Monate nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, John Gregory Dunne. Sie schreibt als Journalistin, als Schriftstellerin und als Trauernde. Diese Rollen sind nicht voneinander zu trennen. Sie recherchiert über Neurochirurgie, während ihre Tochter monatelang auf der Intensivstation liegt. Sie sucht nach Ursachen für den Herzinfarkt ihres Mannes in seiner Krankenakte und medizinischen Fachjournals. Sie analysiert ihre Gefühle durch literarische, psychologische und philosophische Konzepte von Trauer.

Das alles ist gespickt von Flashbacks, hervorgerufen durch den, wie sie schreibt, „Vortexeffekt“. Sie beginnt, Orte zu vermeiden, die Erinnerungen an ihre Familie triggern könnten.

Ihr Schreibstil ist nüchtern und erzählend. Umso unmittelbarer ist der:die Leser:in an Didions Gefühlswelt dran. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Autorin sich hinter ihrer umfänglichen Recherche versteckt.

People who have recently lost someone have a certain look, recognizable only to those who have seen that look on their own faces. I have noticed it on my face and I notice it now on others. The look is one of extreme vulnerability, nakedness, openness. It is the look of someone who walks from the ophthalmologist’s office into the bright daylight with dilated eyes, or of someone who wears glasses and is suddenly made to take them off.

„The Year of Magical Thinking“ ist kein Ratgeber. Es ist ein Buch über Trauer, das die Autorin in erster Linie für sich selbst geschrieben hat. Die Leser:innen begleiten sie in ihrer Unfähigkeit, die Ereignisse zu verarbeiten. Didions Memoiren enden ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, der Prozess nicht abgeschlossen. Sie kommen ohne romantisierendes Happy End oder künstlichen Tiefgang aus. Ein geglückter Versuch, Unfassbares zu beschreiben.

Benjamin Maack: „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ (2020, Deutsch)

Spontankäufe sind manchmal die besten. Wenig Erwartungen, keine Vorfreude. Irgendwo gehört habe ich von Maacks erstem Langprosa schon – keine Ahnung, warum es nicht auf meiner Leseliste landete.

Gelesen habe ich es direkt nach „The Year of Magical Thinking“ und das passte: Auch Maack beschreibt seine eigenen Erlebnisse, lässt die Leser:innen an seiner Gedankenwelt teilhaben, und das fragmentartig. Ein Kapitel ist selten länger als eine Seite, manchmal nur ein Satz oder ein Angry Bird Level lang.

Alle paar Kapitel liest der:die Leser:in das Wort „Funktionieren“ fett gedruckt auf einer leeren Seite. Und daran lässt uns Maack teilhaben. Er lebt, und das im Laufe des Buches vor allem wegen Depressionen in der Psychiatrie.

Die anderen Patienten, die Gänge und Räume, die Pflege, die Ärzte und Arztzimmer, das alles macht mir keine Angst mehr. Ich habe aufgehört, auf den Zombie zu warten. Ich bin entspannt in der Geisterbahn, weil ich weiß, dass ich der Zombie bin.

Zwischen Anekdoten – der Nutella-Diebstahl („Dieses Mal ist es ein Maxiglas.“) oder die Eichhörnchenfamilie im Klinikgarten – erkennt der:die Leser:in das Repetitive des Psychiatriealltags („Herr Maack, wie fühlen Sie sich?“), so drehen sich auch die Gedankenkarusselle.

Es ist unmöglich, zu trommeln. Der Mensch kann nicht trommeln. Er ist nicht fürs Trommeln geschaffen. Oder besser, jeder Mensch kann trommeln, das ist etwas grundlegend Menschliches, nur ich nicht, ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der nicht trommeln kann. Ich bin der einzige Mensch, der kein Mensch ist. Ich bin das Montagsmodell einer Menschenattrappe und habe aufgehört, zu funktionieren. Ich bin defekt, ich muss mich unter einem Bett verstecken. Ich muss in mein Bett und aufhören, zu existieren. Wenigstens bis zum Abendbrot.

Dazwischen tun sich sprachliche Löcher auf. Maack bringt sie aufs Papier, indem er Auslassungszeichen benutzt, sodass manchmal kaum Worte übrig bleiben, innere Dialoge wiedergibt und die Namen seiner Medikamente in dadaistische Poesie verwandelt. Und dann steht da auch mal vier Seiten lang das Wort „fuck“, ohne Leerzeichen, kleingeschrieben, ohne Kommentar.

Beim Lesen dieses Buches hatte ich immer einen Bleistift zur Hand. Selbst, wenn Maack das Gefühl beschreibt, wie ihm die Sprache entgleitet, bringt er unheimlich viel rüber. Nichts ist redundant, nichts zu knapp. Und das alles ist sehr oft einfach schön.

Dann denke ich nicht mehr, dann beginnen die Gedanken, sich selbst zu denken, reden wild durcheinander. Und ich hänge an ihren Lippen. Ich glaube ihnen jedes Wort.

Mein Gehirn ist ein Hafen, und die Tabletten laufen ein und laufen aus und importieren Stabilität und Nebenwirkungen und nehmen wahllos Gefühle mit aufs Meer, wo sie Schiffbruch erleiden, um bald darauf halbtot angespült zu werden. Kein Mensch ist eine Insel, heißt es ja ganz richtig, und manchmal denke ich, dass ich beides bin, kein Mensch und eine Insel.

„Bin ich jetzt mit diesem Buch da draußen für immer der Depressive?“, fragt sich Maack. Lange hält er den:die Leser:in fest in seinem Gedankennetz, dass sich manchmal in Richtung chronologischer Ablauf und Krankheitsverlauf verdichtet und doch jeglicher Erwartung trotzt. Kehrtwendungen, Vollbremsungen oder dieselbe Strecke dreimal.

Ganz verkneifen kann sich der Autor ein Resumée jedoch nicht: „Dieser Zusammenbruch, die Depression, der Unfall waren vielleicht das Beste, was mir hätte passieren können.“ Er habe das Gerüst seines bisherigen Lebens hinterfragt und sich behutsam ein neues aufgebaut. Wer die vorigen 300 Seiten gelesen hat, glaubt ihm, sieht darin vorsichtige Zuversicht, statt billigem Happy End. Es entsteht eine wohlwollende Distanz und versöhnliche Brücke zwischen dem Menschen, der in der psychiatrischen Klinik die Fragmente seines Seins auf Papier zu bringen versuchte, und diesem Benjamin Maack, der die deutsche Literaturlandschaft um ein sprachlich außergewöhnliches und inhaltlich wichtiges Buch bereichert hat.

Gekauft bei: ocelot, not just another bookstore – Brunnenstraße 181, 10119 Berlin

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