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Orlando denkt

Was Kunst soll.

Kann Kunst überhaupt die Welt verändern? Keine Ahnung. Warum wir trotzdem linke, queer-feministische, anti-rassistische Kunst brauchen.

Letzten Freitag war ich das erste Mal seit einem halben Jahr in der Oper. Just, als ich wieder beschlossen hatte, regelmäßig dem Kulturgenuss zu frönen, kam die Corona-Pandemie und das Unwort des Jahres: Systemrelevanz.

Endlich heben sich die Vorhänge der Berliner Bühnen wieder. Die Deutsche Oper macht den Anfang mit einer zufälligerweise corona-tauglichen Performance, bestehend aus einem weit aufgefächterten Orchester, einem Klezmer-Ensemble, Tänzer:innen und Live-Kamera. Es geht um Fluchterfahrungen von Frauen. Während und nach der Vorstellung habe ich viel nachgedacht. Darüber, was Kunst soll, welche politischen Perspektiven eingenommen werden können und wo die Grenzen liegen.

Realitätscheck.

Vor ein paar Tagen gab es den ersten Corona-Fall in Moria. Moria, das klingt für mich immer noch wie ein Ort aus Herr der Ringe. Oder eben wie ein Ort, wo über 12000 Menschen auf dem Platz von knapp 3000 festgehalten werden. Dienstagnacht begann es zu brennen im Lager, seither ist in den Medien die Rede von Evakuation oder Flucht – beides Euphemismen. Solidarität gibt es auf Instagram und Twitter (#WirHabenPlatz), viele Menschen zeigen sich geschockt. Andere wiederum sind kaum überrascht. Moria war nie als dauerhafte Unterbringung gedacht. Die Zustände wurden seit Jahren von Aktivist:innen und Politiker:innen kritisiert. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist Moria eine tickende Zeitbombe und es wurde in Kauf genommen, dass sie hochgeht – unter welchen Umständen auch immer. Nun ist das Lager zerstört, 13000 Menschen leben auf der Straße und die EU muss sich weiterhin nicht darum kümmern, was mit ihnen passiert.

Ein paar Tage vorher bin ich in der Deutschen Oper Berlin gesessen und habe versucht, in meinem Kopf auf den Punkt zu bringen, warum Kunst relevant ist. Kunst sieht nicht weg, bietet Räume und Bühnen. Das heißt zumindest, dass die pseudo-intellektuellen Sesselfurzer für eineinhalb Stunden auf ihren teuer bezahlten Sitzplätzen ausharren müssen und ihre Ohren nicht verschließen können. Mal nicht wegklicken.

Oder ist das einfach eine besonders perfide Form des Eskapismus?

Sich am Schicksal „der Anderen“, an den unvorstellbar riesen- und grauenhaften Emotionen marginalisierter Menschen aufgeilen, um dann nach hause zu gehen und Dankbarkeit für das eigene mittelmäßige, aber global gesehen absolut überdurchschnittliche Leben zu verspüren. Ich werde zynisch. Zynisch, glaube ich, weniger aus Wut, sondern aus Hilflosigkeit. Ich bin ja einer der Sesselfurzer. Ich bezahle gerne viel Geld, um die gefährdete Theaterbranche zu unterstützen, und fühle mich intellektuell befriedigt, wenn ich mich dann moralisch anspruchsvollem Kunstgenuss hingeben kann. Wieder ordentlich was erledigt heute. Es fällt mir schwer, den Inhalt von meiner eigenen Befriedigung loszulösen, ihn nicht als Zweck zum künstlerischen Ausdruck zu sehen.

Aber was ist die Alternative?

Unpolitische Kunst? Kunst ist immer politisch. Und sich als „nicht politisch“ zu positionieren ist in jedem Fall eine zweifelhafte, weil unreflektierte, Lösung. Dann gibt es Kunst, die versteckt oder offen politisch ist, und den rechten, also definitiv falschen Weg einschlägt. Vergewaltigungsfantasien legitimiert durch das Lyrische Ich eines Gedichts, queerfeindliche Sketches, weil Kunst eben den Finger in die Wunde legt, rassistische Begriffe und Stereotype in Fortführung irgendeiner Tradition. Im Namen von Kunst wird viel angerichtet und noch mehr entschuldigt.

Also haben natürlich auch linke Standpunkte in der Kunst eine Berechtigung, vielleicht sogar eine Verpflichtung. Die Aufgabe, dagegen zu halten, marginalisierten Menschen Räume zu bieten und für eine gerechtere Welt einzustehen. Es darf nicht nur belanglose Kunst aus der Mitte geben, die allen gefällt und keine Ansprüche stellt, die Welt zu verändern.

Ich glaube nicht, dass es reicht, linke, anti-rassistische, queer-feministische Kunst zu machen. Was bringt es, wenn ich tief berührt aus einer Performance über Fluchterfahrungen gehe und nichts weiter tue? Wem nützen meine Tränen? Ich hoffe, es bringt den Personen etwas, die mit ihren Lebenserfahrungen dazu beigetragen haben. Für sich, nicht, weil hunderte Menschen, die sich auch vorher schonmal informieren hätten können, auf einmal zuhören. Nicht für das Publikum, sondern, weil sie auf einer Bühne stehen, wo sonst Wagner oder Verdi gespielt werden. Wenn ich allerdings darüber nachdenke, fallen mir keine Schwarzen oder asiatisch gelesenen Regisseur:innen ein, die an der Deutschen Oper Berlin inszenieren. Kaum Dirigent:innen. Am letzten Freitag war eine Tänzerin Schwarz – jedoch niemand im Orchester.

Kunst darf nicht alleine stehen. Ich will festhalten an dem Glauben, dass Kunst nicht egal ist. Kunst liefert Identifikationsmomente für queere Menschen oder trägt zur Gedächtniskultur von marginalisierten Kulturen bei. Macht es wirklich einen Unterschied? Wer weiß. Für einen Menschen vielleicht. Für viele Menschen macht es dann einen Unterschied, wenn BIPOC, behinderte Menschen und LGBTIQ Personen nicht nur für marginalisierte Perspektiven der Kunst dienen. Das ist zwar immer noch besser, als andere über sie reden zu lassen. Nachhaltig ändert sich jedoch wenig.

Und außerdem: Politische, widerständische Aktionen in der Zivilgesellschaft und Parteipolitik und Kunst schließen sich nicht aus. Sie stehen nebeneinander. Der Unterschied ist vielleicht, dass erstere akut lebensnotwendig sind. Und Kunst bleibt halt doch auch Luxus.

Wir haben Platz.

Ich wünsche mir offene Grenzen und diversere Spielpläne an den Theatern. Zeichen der Solidarität und Handlungen, die daraus folgen.

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